Meine Schwangerschaft nach Brustkrebs

Meine Schwangerschaft nach Brustkrebs

Bereits seit fast zwei Wochen hat sich Babygirl spürbar bemerkbar gemacht. Ich habe immer wieder Wehen – mal mehr, mal weniger. Aber nichts, was auf einen tatsächlichen Geburtsbeginn schließen lässt. Also mussten wir warten… Ach ja, mal wieder!

Am errechneten Geburtstermin ist das Warten allerdings -theoretisch- vorbei. Denn übertragen soll ich aufgrund meines vorhergehenden Kaiserschnittes nicht. Aber die Rechnung haben wir erstmal ohne die anderen Damen und ihren Babys gemacht, die aktuell noch alle Kreißsäale des Krankenhauses besetzen. Somit heißt es für uns auch am ET noch immer: warten!

Um 23.00 Uhr kommt der Anruf: wir dürfen ins Krankenhaus. Also vielmehr, dank Corona, ICH darf ins Krankenhaus. Papa darf lediglich als Chauffeur einspringen. Denn im Krankenhaus sind Männer erst ab aktivem Geburtsbeginn erlaubt. 

Was folgt sind eine Einleitung trotz eines relativ unreifen Geburtsstandes. Ihren Unmut darüber lässt mich Babygirl auch spüren, denn sie ist so gar nicht auf “geboren werden” eingestellt und lässt ihre Mama sich 33 Stunden durch die Wehen quälen, ohne auch nur einen erwähnenswerten Schritt näher an die nächste Geburtsphase zu rücken. 

Irgendwann verlange ich zum gefühlt 100sten Mal nach der PDA, die mir nun auch endlich gewährt wird… Ein Segen! Ich liebe die modere Medizin für diese Möglichkeit. 

Sofort macht sich ein erleichterndes Gefühl in mir breit – schmerzfrei, wundervoll!

Das tolle Gefühl währt nur leider nicht lang. Denn leider scheine ich zu Wiederholungen zu neigen und so kommen nach gefühlt 10 Minuten die Ärzte zurück und teilen mir mit, dass Babygirl es ihrem Bruder gleich tun wird und als Kaiserschnitt geboren werden wird. 

Ich bin enttäuscht! Auf einen Kaiserschnitt an sich war ich irgendwie eingestellt, aber ernsthaft nach 33 Stunden Wehen?! Darauf hätte ich auch verzichten können…

Im OP geht es dann alles ganz schnell. Nach wenigen Minuten höre ich mein kleines Babygirl schreien wie eine kleine Krähe.

Dieser Ton rührt mich zu Tränen, ohne dass ich unser Wunder gesehen habe. 

Nach der kinderärztlichen Untersuchung wird sie meinem Mann in den Arm gelegt. Hier liegt sie bei uns die gesamte restliche OP. Sie ist sehr aktiv und munter, betrachtet alles sehr genau und schläft keine Sekunde ein. 

Nach der Operation dürfen wir alle drei im Kreißsaal in Ruhe kuscheln. Ich bin völlig verliebt in dieses unglaublich kleine und bezaubernde Geschöpf in meinen Armen. 

Unser langer, steiniger, emotionaler und teils sehr schwere Weg hat hier uns jetzt sein Ziel erreicht: ich halte mein zweites Kind in den Armen. 

Ich könnte nicht glücklicher sein!!!

Morgens um 6:00 Uhr wache ich auf und habe das Gefühl, meine Fruchtblase ist geplatzt. Das Gefühl kenne ich von damals bei Junior noch. Ich wecke meinen Mann, doch nach dem ersten “Schwall”, bleibt wieder alles ruhig. Auch die Wehen setzen nicht ein. Also bleibe ich erstmal entspannt liegen, erkläre Junior, dass es sein kann, dass Oma ihn heute vom Kindergarten abholt und seine Schwerster geboren wird. 

 

Als “Vorschuss” kuscheln wir uns noch zusammen ins Bett und Papa bringt uns ein tolles Frühstück ans Bett – Premiere für Junior, das gab es noch nie. 

Gegen 9:00 Uhr rufe ich meine Hebamme und meine Frauenärztin an. Beide verweisen mich ans Krankenhaus, wo wir gegen 10:30 Uhr eintreffen. Vorsorglich mitsamt meines ganzes Gepäcks. Mein Mann darf nicht mit rein, erst wenn die Wehen einsetzen erlauben die Coronamaßnahmen Männer im Kreißsaalbereich – oder generell im Krankenhaus …

 

Ich werden von der sehr netten Hebamme erstmal ans CTG verfrachtet. Eine Stunde lang. Danach erfolgen einige Untersuchungen. Nach 3 Stunden ist klar: die Fruchtblase ist nicht geplatzt. Es war wohl eher der Schleimpfropf, der abgegangen ist. Babygirl geht es bestens, allerdings verzeichnet das CTG schon einige leichte Wehen, die ich persönlich nicht einmal gespürt habe. 

 

Gründlich durchgecheckt und dennoch ein wenig enttäuscht, fahren wir also wieder nach Hause. Die Ärztin geht davon aus, dass wir uns recht bald wiedersehen werden – ich hoffe es sehr…

Diese Woche standen wieder einige Arztbesuche an. 

Die Woche beginnt mit einem erneuten Besuch im Krankenhaus. Dieses Mal nicht in der Schwangerschaftsambulanz, sondern in der Humangenetik.

Wie komme ich plötzlich dorthin?

Bei der Vorbesprechung für die Entbindung stand aufgrund der langen Beckenendlage wieder ein Kaiserschnitt im Raum. In diesem Fall ein geplanter. Also kam erneut die Überlegung auf, ob man nicht direkt mit dem Kaiserschnitt die Eierstockentfernung verbinden sollte. Nach ein paar Worten der Ärztin zu der Thematik war ich schon äußerst skeptisch: man müsse als Ausgleich für das “Abstellen” des Östrogens, dieses Hormon wieder extern einnehmen. In der Sekunde war mir klar: nicht mit mir. Ich lasse mir nicht die Eierstöcke direkt im Anschluss an eine Schwangerschaft entfernen (also von 150 auf 0 was Hormone betrifft), um dann wieder Östrogene als Pille zu schlucken. 

Dennoch höre ich mir die Beratung gerne an, denn aufgrund meiner Genmutation steht die Eierstockentfernung definitiv in den kommenden Jahren auf der Agenda. 

Und weil es in München so wundervoll viele Spezialisten gibt, vermittelt mir die Ärztin für diese Woche einen Termin in der Humangenetik des Krankenhauses, in der inzwischen auch der Professor arbeitet, der damals in einem anderen Krankenhaus meine Genetik erstellt und mit mir besprochen hatte … wie praktisch!

Beim Termin muss ich keine Minute warten. Der Professor wird von einer jungen Ärztin begleitet. Wir steigen thematisch sofort ein. Das Fazit des Gespräches ist ziemlich eindeutig: 

BRCA2 ist deutlich weniger aggressiv, als BRCA1. Auch das Risiko für Eierstockkrebs ist geringer. Der Professor erklärt mir, dass das Erkrankungsalter trotz Mutation inzwischen deutlich über 50 liegt. Na da habe ich ja noch etwas Luft…

Außerdem sei es durchaus relevant, dass in meiner ganzen Familie noch kein einziger Fall von Eierstockkrebs verzeichnet worden ist. Es werden also nicht pauschal Brust – und Eierstockkrebsrisiko aufgrund des Gens vermischt, sondern die beiden Erkrankungen werden gesondert in ihrem Vorkommen betrachtet. Das wusste ich so bislang noch nicht. Wir sind nämlich eindeutig eine “Brustkrebsfamilie”. 

Somit sieht der Professor keine Notwendigkeit, die Eierstöcke zum einen direkt nach der Schwangerschaft und zum anderen bereits mit 37 Jahren zu entfernen. Er spricht sogar von einem Alter von 45 Jahren. Das sind doch mal gute Nachrichten. 

 

Als nächstes steht der Nachsorgetermin in der Onkologie an. Auch hier wird erneut absolut nichts auffälliges gefunden. Kurz, aber sehr gut!

 

Der letzte Termin der Woche ist wieder ein Ultraschall bei der Frauenärztin. Dies ist bereits der letzte Termin vor der Geburt bei meiner Ärztin. Denn ab sofort wechselt sie sich mit der Kontrolle durch die Praxishebamme ab und zu meinem nächsten Arzttermin hat sie Urlaub. 

Heute machen wir nochmal Krebsnachsorge und somit Brustultraschall – kein Befund. So kann es weitergehen!

Babygirl hat ebenfalls eine Überraschung für uns parat: Sie liegt mit dem Köpfchen unten. Das läuft mit ihr ja wie am Schnürrchen. Einer natürlichen Geburt steht (erstmal) nichts mehr im Wege! Dafür lässt sie sich heute leider nicht fotografieren. Aber bald kann ich sie schließlich persönlich betrachten. Der Countdown läuft. 

 

Was für eine erfolgreiche Woche!

Corona zum Trotz findet bereits diese Woche die Anmeldung im Krankenhaus statt – eigentlich noch ziemlich früh. Dafür wieder coronakonform ohne Papa. 

Der Weg zum Krankenhaus dauert etwa 25 Minuten. Es ist nicht das nächstgelegene, aber die Uniklinik mit Kinderchirugie für den Notfall. Das war uns schon bei Junior wichtig, so dass auch er in diesem Krankenhaus geboren ist. Das hat den eindeutigen Vorteil, dass meine Akte bereits mit allen Vorkommnissen bei Junior’s Geburt vorliegt. 

Obwohl sehr viel los ist, komme ich wirklich schnell an die Reihe. Am Telefon wird gerade wohl eine Mama in spe abgewiesen, da alle Termine für die Geburtsanmeldung in diesem Krankenhaus schon voll sind. Zum Glück gehörte ich bei dieser Aktion zum frühen Vogel …

Als erstes geht es zur Hebamme. Sie ist sehr jung und sehr nett. Wir plaudern ein wenig, nicht zuletzt natürlich wegen der Vorgeschichte mit meinem Brustkrebs. Sie sagt, sie erleben leider häufig Fälle von auch Schwangeren mit Brustkrebs. Allerdings ist sie erfreut, mit mir heute auch eine positive Geschichte “danach” zu erleben. Das sei wohl deutlich seltener. 

Zwei große Themen habe ich zu diesem Termin mitgebracht: zum einen wie es mit dem (ab-)stillen und der Milch abläuft, da ich aufgrund meiner beidseitigen Mastektomie nicht stillen kann. Auf Wunsch kann ich auch nach der Geburt Tabletten gegen den Milcheinschuss bekommen. 

Zum anderen das inzwischen schon bekannte Thema eines Kaiserschnittes, da Babygirl schließlich genau wie ihr Bruder gemütlich seit Monaten in Beckenendlage verweilt. 

Zum Thema “Stillen” kann mich die Hebamme direkt aufklären: Ich könne entweder meine eigene Milch(marke) mitbringen oder die aus dem Krankenhaus füttern. Beides wird direkt nach der Geburt erwärmt und Babygirl kann sofort loslegen. Sehr schön, wir hatten uns nämlich schon eine bestimmte Marke ausgesucht, die auch Junior bekam. 

Zum Thema Kaiserschnitt vertröstet sie mich auf den anschließenden Ultraschall und das Gespräch mit der Ärztin. 

Im Anschluss gibt es noch 30 Minuten CTG und einiges an Papierkram. 

Nach einer wiederum kurzen Wartezeit werde ich zum Ultraschall gebeten. Die Ärztin ist wieder sehr jung und ebenfalls sehr nett. Bei Junior hatten wir an dieser Stelle den wohl schweigsarmsten Arzt des Krankenhauses erwischt. Bezüglich ärztlicher Untersuchungen bevorzuge ich jedoch eindeutig den redseligen Typen. Heute habe ich Glück. Die Ärztin kommentiert alles, was sie tut. 

Der Ultraschall wird ähnlich intensiv durchgeführt, wie der dritte große Ultraschall. Dementsprechend dauert er auch seine Zeit. Alles in Ordnung plus die Überraschung des Tages: Babygirl hat sich mit dem Kopf nach unten gelegt. Mir fehlen nach dieser Information die Worte. Ich bin so fest auf die Beckenendlage und den darauffolgend notwendigen Kaiserschnitt eingestellt, dass ich kurz sprachlos werde. 

Im anschließenden Gespräch mit der Ärztin fehlen mir also etwas die Themen. Dennoch besprechen wir alle “was wäre wenn”, somit auch die Option Kaiserschnitt sehr detailliert. Einen unverbindlichen Termin legen wir ebenfalls fest. 

Nach allen Formalitäten spricht sie noch ein prekäres Thema an, das ich in diesem Moment gar nicht auf dem Schirm habe: Bei einem (geplanten) Kaiserschnitt bestünde die Möglichkeit gleich zur Verhütung die Eileiter zu durchtrennen. In meinem Fall wäre die abgewandelte (radikalere) Option das Thema: Die Entfernung der Eierstöcke. 

Die Idee ist ja generell nicht neu: sowohl ich, als auch meine Onkologin hatten schon mit dieser Art der “Doppeloperation” geliebäugelt. Also lasse ich mich aufklären. Die Ärztin möchte das Thema aber nochmal mit ihrer Oberärztin abklären, da es doch sehr speziell ist. Die ist nur leider nicht zu erreichen und wir warten. Das Ende vom Lied ist, dass die Oberärztin gerade im OP ist und eine andere Kollegin nur soviel zum Thema sagen kann, dass bei dem Abfall der Hormone von “Schwangerschaft” auf “Wechseljahre” immer im Anschluss Hormone äußerlich zugeführt werden. 

Das reicht mir persönlich an Information bereits: abgelehnt. Hormone zu mir nehmen tue ich nach meiner Erkrankung definitiv nicht. Dann warte ich lieber mit der OP ab, bis ich wieder auf ein natürliches Maß an Hormonen abgesunken bin und nehme erstmal wieder einige Zeit Tamoxifen. 

Dennoch möchte die Ärztin, dass ich umfassend aufgeklärt werde und verspricht, mich nocheinmal anzurufen. 

Da auch die Anästhesie bereits im OP ist, kann ich auch hier die Formalien heute nicht mehr erledigen (eine Einwilligung zur PDA oder Narkose für die eventuelle Notwendigkeit während der Geburt muss im Vorfeld unterschrieben werden).

Nach fast 3 Stunden verlasse ich das Krankenhaus. 

Kurz darauf bekomme ich einen Anruf aus der Klinik: ich soll kommende Woche zur genauen Besprechung in die Genetik kommen. Der Termin findet bei einer äußerst renommierten und international bekannten Ärztin statt. Diese Beratung deluxe lasse ich mir in keinem Fall entgehen. 

Wie die Zeit vergeht… Der letzte große Ultraschall steht an. Mitten im Corona-Lockdown, zwei Tage vor Weihnachten. 

Papa darf zur Feier des Tages wieder mit. 

Babygirl hat es sich in meinem Bauch gemütlich gemacht – im Sitzen. Genauer gesagt, mal wieder eine Beckenendlage. So machte Junior es sich seinerzeit bereits in meinem Bauch bequem. Scheint eine gute Position zu sein. 

Allerdings nicht wirklich, was die Geburt betrifft. Zugegeben, wir haben noch etwas Zeit, aber bei mir kommen bekannte Erinnerungen hoch. Babygirl hat sich zwar ab und an einmal in eine andere Position begeben, aber 90 Prozent der Untersuchungen erwischten wir sie bereits in Beckenendlage.

Für mich heißt das, sich dieses Mal ein wenig früher mit dem Thema “Kaiserschnitt” auseinanderzusetzen. 

Bei Junior wollte ich diesen mit allen Mitteln vermeiden. Heute sehe ich das entspannter: wenn sie “falsch” liegt, kommt sie eben per Kaiserschnitt. 

Hat auch Vorteile! Wenn es auch nicht meine bevorzugte Variante ist. Abwarten…

Ansonsten geht es Babygirl prima. Sie ist heute ziemlich faul und untätig. Kein Wunder, die meiste Action in meinem Bauch hebt sich die Lady ohnehin für nachts auf. Bleibt zu hoffen, dass diese Nachtaktivität nach der Geburt umgehend nachlässt. 

Langsam nimmt sie auch “Form” an. Ihr Gesicht wird etwas babyspeckiger und seit dem letzten großen Ultraschall vor 8 Wochen hat sie sage und schreibe ein Kilogramm Gewicht zugelegt. Sie sieht aus wie ihr Bruder. Faszinierend dieser Ultraschall heutzutage.

Nach der Untersuchung machen wir noch ein CTG um die Herztöne zu prüfen. 

Fazit: alles tip top bei Babygirl. So mag ich Arztbesuche!

25.SSW

Heute steht mal wieder Baby-TV auf dem Programm. Das ist natürlich nur der emotionale Teil. Vielmehr ist es wieder eine wichtige Vorsorgeuntersuchung, die ansteht. Unglaublich, dass ich schon im siebten Monat angekommen bin.

Heute heißt es Zeit mitbringen bei meiner Frauenärztin. Denn der routinemäßige Zuckertest steht an. Es soll abgeklärt werden, ob mein Blutzucker erhöht ist und somit das Risiko einer Schwangerschaftsdiabetes besteht.

Also heißt es als erstes einen Becher voller Zuckerwasser trinken, dann eine Stunden warten und Blut abnehmen.

Zwischendrin wird mir allerdings nicht langweilig, da auch das erste mal ein CTG geschrieben wird und ich die Herztöne von Babygirl hören darf.

Bei der Ärztin bin ich heute auch schnell dran.

Wir werfen einen Blick auf das wieder mal fröhlich tanzende Babygirl. Bei Einsetzen des Ultraschalls erwischen wir sie sogar sitzend in meinem Bauch- wie auch immer ich mir das genau vorstellen kann.

Heute liegt sie in Beckenendlage, also mit den Füßen nach unten. Ihr großer Bruder fand damals diese Stellung so dermaßen bequem, dass er sich seit dem sechsten Monat nicht einen Tag mehr anderes hingelegt hatte.

Babygirl scheint da doch kreativer zu sein. Sie liegt fast jedes mal anders.

Alle Messungen und Beobachtungen liegen im perfekten Normbereich. Nichts anderes hätte ich erwartet, wo die kleine Lady doch keinen Tag vergehen lässt, an dem sie nicht durch wildes strampeln daran erinnern würde, dass sie da ist.

Der Termin ist daher relativ schnell beendet. Mit dem Foto aus dem Bauch für Papa und Bruder im Gepäck wird noch schnell das Blut für den Zuckertest angekommen und schon bin ich auf dem Weg nach Hause.

Der nächste Tag…

Heute steht ein weiterer wichtiger Arzttermin im Kalender. Seit längerer Zeit – und das erste Mal in der Schwangerschaft- gehe ich ins Brustzentrum, um die Nachsorge mit einem Brustultraschall zu komplettieren.

Auch wenn ich mir absolut keine Sorgen mache, bin ich doch sehr nervös und aufgeregt vor dem Termin. Von meinem Arzt habe ich eine sehr hohe Meinung. Er hatte mir damals die Diagnose mitteilen müssen und mich hat empathisch und vor allem medizinisch äußerst kompetent durch die Behandlung begleitet.

Für seine Leistung meiner beidseitigen Mastektomie mit gleichzeitigem Wiederaufbau mit Silikon werde ich heute noch regelmäßig beglückwünscht. Er hat wirklich tolle Arbeit geleistet. Ich vertraue ihm sehr.

Da er als einer der besten seines Faches gilt, ist die Wartezeit in seiner Praxis regelmäßig lang. Das nehme ich in Kauf, denn wenn er sagt ‘Alles ist gut’ , dann IST alles gut. So zum Glück auch heute!

Er beteuert, er hätte nichts anderes erwartet. Ganz so entspannt wie er war ich dennoch im Vorfeld nicht. Zumal ich in demselben Raum untersucht werde, in dem damals die Stanzbiopsie gemacht wurde.

Aber heute ist eben alles anders: keinerlei Krebsdiagnose, sondern nur kurzes Geplänkel über meine Schwangerschaft und eben das erleichternde: alles ist gut.

Erleichtert fahre ich nach Hause und informiere gleichzeitig meinen Mann über die guten Nachrichten.

Doch ich bin noch nicht zu Hause angekommen, da klingelt mein Telefon: meine Frauenärztin ist dran- die zweite Baustelle.

Der Zuckertest sei leider auffällig gewesen. Das sei aktuell noch keine Diagnose einer Schwangerschafsdiabetes, aber Ende der Woche müsste ich noch einmal für den großen Zuckertest kommen.

Mit zweierlei Gefühlen komme ich nach Hause. Erleichterung und Sorge mischen sich. So ist das wohl, wenn man schwanger und gleichzeitig ehemalige Krebspatientin ist. Die beiden Bereiche sind einfach zu wichtig, als dass das eine das andere aufwiegen kann.

Zum Glück keine Krebssorgen, aber Babysorgen sind auch nicht schön.

Ich wäre nicht ich, wenn ich mich nicht sofort über den Umstand der Schwangerschaftsdiabetes informieren würde.

Sie trifft wohl 4 von 10 Schwangeren, lässt sich in der Regel bereits über die Ernährung gut behandeln und geht in den allermeisten Fällen nach der Schwangerschaft gleich wieder weg.

Doch eine Information stößt mir sauer auf: denn über die Hälfte der Frauen, die in der Schwangerschaft einen Diabetes entwickeln, bekommen in den folgenden zehn Jahren auch einen “echten” Diabetes.

Das fände ich so gar nicht lustig. Also fasse ich kurzum den Beschluss – unabhängig vom ausstehenden Ergebnis des Zuckertests- meinen Zuckerkonsum dauerhaft zu minimieren.

Super Timing, denke ich mir, in der Woche vom ersten Advent..

Zudem muss ich gestehen, dass Zucker mein einziges Laster ist. Ich trinke keinen Alkohol, trinke nur Hafermilch, esse außerhalb der Schwangerschaft kein Fleisch, rauche nicht und bewege mich regelmäßig und relativ viel.

Nur Schokolade kann ich eben nicht widerstehen. Hilft nichts… die Natur ist der Chef. Wenn mein Körper sagt, es ist zu viel Zucker, dann höre ich darauf und reduziere auch trotz anstehendem Weihnachtsfest meinen Zuckerkonsum.

Ich muss es damit in den kommenden Wochen auch noch nicht übertreiben. Das Plätzchen backen werde ich Junior zumindest nicht versagen.

Einige Tage später kommt der erlösenden Anruf nach dem zweiten (großen) Zuckertest: alles im Grünen Bereich. Keine Schwangerschaftsdiabetes. 

Von meiner Ärztin lasse ich mir allerdings sagen, dass diese “falsch-positiven” Ergebnisse beim kleinen Zuckertest durchaus häufig vorkommen, 

Heute steht wieder ein großer und aufregender Termin im Kalender: 

Der 2. Große Ultraschall mit Babygirl. Und da wir ja mitten in Corona stecken, erfordern besondere Umstände eben auch besondere Umgangsweise. 

Soll heißen: Mein Mann darf zum allerersten Mal seine Tochter live betrachten! Wegen Corona sind Männer in den Praxen, bzw. bei den Vorsorgeuntersuchungen nicht erlaubt. Zu viele wartende Damen hätten sich schon über die “unnötigen Männer im Wartezimmer” beklagt. Verzicht ist ja momentan leider unser aller Devise, aber schön ist das für einen werdenden Vater natürlich nicht.

Meine wundervolle Frauenärztin erlaubt daher unter Einhaltung aller strengen Hygienevorschriften, dass der Papa in Spe an den großen Ultraschalluntersuchungen teilnehmen darf! Sie ist einfach phantastisch.

Also war mein geliebter Mann schon seit einigen Tagen sehr nervös und vorfreudig, sein Babygirl heute kennenlernen zu dürfen. Ich persönlich freue mich ja ohnehin – wie wohl jede werdende Mama- über alle Dinge, die ich von der Kleinen sehen und bestaunen kann. Also kurz abgewartet bis der heißgeliebte Babysitter-Opa zuhause eintrifft und ab zum Arzt. Der Tag ist sonnig und recht warm – das muss also ein gutes Zeichen sein!

Die obligatorische Wartezeit vergeht und der obligatorische Becher Urin ist wie immer in bester Ordnung. Ein Picks steht heute mal nicht auf dem Programm. Nicht, dass ich diesen Umstand bedauern würde…

Es geht los…

Endlich sind wir an der Reihe, ich kläre noch ein paar angesammelte Fragen, wie Osteophatie und die Bescheinigung für meinen Arbeitgeber. Dann kommt der schöne Teil. Pünktlich hierzu trifft mein Mann ein – denn im Wartezimmer darf er nicht mit mir warten, da sind die anderen Damen weiterhin streng.

Dann geht es los. “Babyfernsehen” – nein eben dies nicht. Darüber unterhalten wir uns mit der Ärztin auch. Denn ab 2021 sind diese Shows gesetzlich verboten. Meine Ärztin grenzt nachvollziehbarer Weise eine ärztliche Untersuchung zum Ausschluss von Fehlbildungen etc. klar vom “Babyfernsehen” als Event ab. Recht hat sie, ich freue mich trotzdem auf den intensiven Ultraschall.

Endlich geht es los. Als erstes klären wir nochmal das Geschlecht: eindeutig ein Mädchen! Durch den NIPT sind wir diesbezüglich ja bereits seit Wochen auf der sicheren Seite. Ansonsten wäre meine stark rosa-lastige Garderobe in Größe 50/56 auch zu einem kleinen Problem geworden. Aber es ist und bleibt unser Babygirl- Fehlinterpretation ausgeschlossen.

Als erstes wird die Lady gründlich vermessen. Alles sieht sehr gut aus. Ihre langen Beine fallen aus- mal wieder, denn diese Diagnose bekam Junior auch schon früh in der Schwangerschaft. Gibt definitiv schlimmeres, vor allem für ein Mädchen!

Dann arbeiten wir uns langsam zum Gesicht vor. Die Werte sind alle prima und meine Ärztin wiederholt mehrfach, wie gut alles aussieht und dass diese und jene Fehlbildung oder Krankheit nahezu ausgeschlossen werden kann. So möchte sie das haben, betont sie immer und immer wieder. Was wollen Mama und Papa mehr? Glückseeligkeit macht sich breit. Besonders bei Papa, der schon ziemlich sentimental wird, als er Babygirl da in meinem Bauch fröhlich rumtanzen und mit den Armen wedeln sieht. Der Höhepunkt der Emotionalität ist natürlich der abschließende 4-D Ultraschall, bei dem man deutlich die Gesichtszüge unseres Wunders erkennen kann. “Vielleicht hat sie MEINE Nase”, traue ich mich zu interpretieren. Das wäre uns beiden recht… Ansonsten kann man bereits jetzt nicht mehr leugnen, dass sie eindeutig unserer Familie entsprungen ist. Der Bruder dürfte vermutlich später auch leicht zuordenbar sein.

Ein weiteres Highlight, das Babygirl heute in ihrer Show präsentiert ist ein frontaler Blick auf ihren kleinen Fuß. Praktisch ein Fußabdruck im Ultraschall – zum Dahinschmelzen.

Corona und die Schwangerschaft

Beflügelt von den tollen Ergebnissen der Untersuchung und den wunderschönen Bildern unseres Wunders, müssen wir kurz noch ein leidiges Thema besprechen: Corona. Die Zahlen schießen in den letzten Tagen ins Unermessliche. Diese Woche arbeite ich ausnahmsweise im Homeoffice. Mein Urlaub vorm Mutterschutz beginnt aber erst im Dezember – nichts da. Damit ist meine Ärztin nicht d’arccord: Wenn Home Office möglich ist, soll ich in jedem Fall bis zum Urlaubsbeginn zu Hause arbeiten. Das Immunsystem von Schwangeren fährt sich natürlicherweise runter, damit der eigene Körper das Baby nicht als Eindringling missinterpretiert. Und unnötige Risiken mag meine Ärztin gar nicht. Vor allem, weil sie der Meinung ist, das meine Schwangerschaft eine ganz besondere sein – wie sehr ich in diesem Punkt mit ihr übereinstimme!!!

Also informiere ich später meinen Chef und der ist einverstanden. Somit verbringe ich meine restlichen Arbeitstage also am Büro- oder Küchentisch zu Hause. Ist mir auch ganz recht, weil ich im Schnitt eine Stunde Fahrtweg mit dem Auto zurücklege und das so früh morgens, dass die Sonne sich erst lange nach meiner Ankunft im Büro blicken lässt. Dabei hatte ich in den letzten Tagen zugegeben ein recht mulmiges Gefühl. Insbesondere da meine Augen sich seit der Chemo nicht mehr so gut wie vorher an Dunkelheit anpassen können. Auch mein Mann ist sichtlich erleichtert.

Zuhause betrachtet Opi die Bilder des jüngsten Familienmitgliedes und ist ganz aus dem Häuschen.

Was für ein gelungener Tag.

20. Schwangerschaftswoche. Wie die Zeit vergeht.

Es gibt Frauen, die es lieben schwanger zu sein.

Bei Junior vor 4 Jahren war ich definitiv keine von ihnen.

Heute kann ich diese Frauen zumindest verstehen. Es geht mir hervorragend. Unzählige Male werde ich gefragt: “Na, wie geht es dir und Babygirl?” Nicht nur als Floskel, sondern aufrichtig. Wenn ich dann mit meiner Standardantwort “hervorragend” innerhalb eines Wortes mein Gegenüber komplett aus der Bahn werfe, habe ich beinahe jedes Mal das brennende Bedürfnis mich noch irgendwie zu rechtfertigen… Tja, so ist das! Wirklich rechtfertigen – dafür, dass es mir so hervorragend geht. Das Gegenüber kennt in der Regel meine Vorgeschichte und fragt ja eben gerade deshalb auch aufrichtig.

Ich denke, als Antwort wird mit allem gerechnet. Nur nicht mit schlichten 12 Buchstaben, die ein “gut” noch um einiges übertreffen.
Um also das betretende Schweigen irgendwie aufzulösen, füge ich dann noch Dinge hinzu, wie: “Am Anfang war ich ziemlich müde!” oder “Ich hoffe, dass es so bleibt”.
Aber eigentlich sind diese Anhänge in meinen Augen überflüssig: Es geht mir hervorragend PUNKT – dem ist nichts hinzuzufügen. Denn ich möchte mir keine Schwangerschaftskomplikationen ausdenken, um der Erwartung der Anderen zu entsprechen.

Ich selber werde mir bei jedem einzelnen dieser Gespräche immer wieder bewusst, was für ein Wunder gerade in meinem Leben stattfindet. Ein Wunder, das über das Wunder des Lebens in mir hinausgeht. Ich empfinde meine Schwangerschaft mit meinem so sehr ersehnten Babygirl besonders in diesen Momenten als eine Wiedergutmachung des Lebens an mich. Als wollte das Leben mir sagen: “Es tut mir leid, was du alles durchmachen musstest. Als Ausgleich erfülle ich dir aber jetzt deinen größten Wunsch und das auch noch ganz unkompliziert. Gelitten hast du bereits mehr als genug!”

Dieses Wunder darf ich nun bereits seit 20 Wochen jeden Tag empfinden. Jeder einzelne Tag gibt mir das Gefühl, mich richtig entschieden zu haben. und Babygirl wächst und gedeiht, wie ich es mir besser nicht wünschen könnte!

Heute steht die nächste Vorsorgeuntersuchung an. So weit ist das nichts besonderes in der Schwangerschaft.

Bei mir steht allerdings gleichzeitig ein weiterer wichtiger Termin im Kalender: meine Nachsorge (brav alle drei Monate und DMP nicht vergessen). 

Meine Frauenärztin begrüßt mich einfühlsam, wie jedes Mal seit ich sie kenne. Sie fragt mich mal ein weiteres Mal, in welcher Reihenfolge wir es angehen wollen. Wie letztes Mal – Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. 

Soll heißen: erst der Krebs, dann das Babygirl. Gesagt, getan. Als erstes bittet sie mich, meinen Oberkörper frei zu machen und die Arme auszustrecken: die klassische “Brustkrebs- Abtast-Haltung”. Entgegen jeglicher medizinischer Ratschläge beichte ich ihr etwas kleinlaut, dass ich meine Brust momentan versuche, so wenig wie möglich zu berühren. Ein regelmäßiges Abtasten wird von mir also kategorisch ausgeblendet. Anstatt Rüge, bekomme ich von ihr wieder ein Mal eine volle Ladung Verständnis: ” Das ist völlig ok, das machen wir beide hier zusammen!”

Der Grund für meine partielle Feigheit liegt wohl jeder Mutter auf der Hand: Während der Schwangerschaft verändert sich die Brust – ständig, immer und meist schmerzhaft! In meinem Fall zieht die Stelle, an der mein Tumor sich sein Zuhause eingerichtet hatte besonders. Also möchte ich in diesem Fall von meinem Recht auf Nicht-Wissen gebrauch machen. Schließlich lernt man ja aus der Vergangenheit: zu oft habe ich in den letzten 4 Jahren leicht bis mega panisch auf einen Arzttermin gewartet, weil ich “irgendetwas” gefühlt und ertastet habe. Jedes Mal Fehlalarm – das gehört wohl zum Alltag einer (Brust-)krebspatientin und jeder Fehlalarm löst ebenfalls eine ganze Latte an Erleichterungsgefühlen aus! Dennoch kann ich auf diese Achterbahnfahrt der Gefühle in meinem aktuellen “Umstand” getrost verzichten. Also: kein tasten, keine panischen Selbstdiagnosen, die bis hin zu einem mittelschweren Nervenzusammenbruch zu führen vermögen.

Für heute jedenfalls alles richtig gemacht: nichts zu ertasten, nichts im Ultraschall – schnell noch die Eierstöcke überprüfen. Alles in bester Ordnung!

Dann endlich zur Kür für heute: Babygirl! 

Babygirl macht das gleiche, wie die letzten Male: sie chillt. Sie lässt sich bereitwillig von zwei schaulustigen Müttern bestaunen, sie hat lässig die Arme über den Kopf geschlagen und es scheint ihr genauso gut zu gehen, wie ihrer Mama. Als Highlight bekomme ich beute sogar ein 3D Bild von der Lady zu sehen und zum mitnehmen für Daddy.

Was für ein schöner Tag. 

Babygirl und ich gehen zufrieden nach Hause und berichten Daddy und Junior die guten Nachrichten.

Als mich der Oberguru der Kinderwunschklinik um einige besondere Blutwerte bat, rief ich meine Onkologin an, um die Werte von ihr zu bekommen.

Sie würde es bevorzugen, dass ich in die KiWuKlinik gehe. Gesagt getan. Was sie sich allerdings nicht nehmen lies, war -angesichts meiner Schwangerschaft- mich vorzeitig zu einer Nachsorge einzubestellen. Ihr Wunsch, mein Befehl: der Nachsorgetermin wurde einen Monat vorgezogen und heute steht er auf dem Terminplan. Momentan scheint meine liebste Beschäftigung an einem Dienstag ohnehin der Besuch eines Wartezimmers und einer anschließenden medizinischen Fachkraft zu sein. Was tut man nicht alles als brave Schwangere, die auch ihrem ungebetenen Tumor in der Gegenwart weiterhin den notwendigen Respekt zukommen lässt.

Also mal wieder ein Arzt-Dienstag.

In der Onkologie muss ich 2020 sehr viel warten – Termin hin oder her. Das war früher anders: vC, also vor Corona. Denn durch den Lockdown im Frühjahr sind eine Menge Patient*innen nicht zum Arzt gegangen. Zum einen die Nachsorgepatient*innen, bei denen diese Verzögerung durchaus vertretbar sein kann und zu denen auch ich mich zähle. Aber eben leider auch viele Menschen, die durch Corona ihre Krebsdiagnose “verschleppt” haben. Somit quillen die onkologischen Praxen jetzt – “nach” Corona – über und es kommt zu langen Wartezeiten.

Auch wenn es angenehmere Orte zum Zeit vertreiben gibt, aber das moderne Smartphone macht es möglich, dass auch die Zeit im Wartezimmer (mehr oder weniger) effizient genutzt werden kann.

Nach einiger Zeit bin ich also dran. Ich bin heute das erste Mal hier, seit ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Meine Onkologin hat mich schon im Vorfeld spüren lassen, dass sie von einer Schwangerschaft “not amused” wäre oder ist. Das hat sie zwar nie ausgesprochen, aber ich habe immer gespürt, dass sie bis zum letzten Tag gehofft hat, dass ich mich umentscheide. Leider nein – für sie, nicht für mich! Sie macht ja auch nur ihren Job. Und der besteht eben nicht darin, sich über süße Kindchenschema zu erfreuen und die neusten Namenstrends durchzudiskutieren, sondern darin Leben zu retten! Sie möchte den Krebs besiegen und den Menschen eine zweite Chance verschaffen. Und aus dieser Perspektive gehöre ich wohl eher zu der Art ihrer Patientinnen, die sie gerne schütteln würde und sagen: “Komm auf meine Seite und bekämpfe den Krebs mit allen Mittel – koste es, was es wolle!”

Ich hingegen bin ein Mensch, eine Frau und dazu noch eine ziemlich emotionale. Und eben eine, die schon mit 4 Jahren mit Puppen gespielt hat, einen Namen für ihren Erstgeborenen parat hatte (der sich innerhalb von 30 Jahren dann allerdings doch verändert hat) und die schon am Tag ihrer eigenen Geburt wusste, dass sie UNBEDINGT Mutter werden möchte, weil sie Kinder so sehr liebt. Diese Person bin also ich. Und genau dieser Person ist es passiert, dass sie Krebs bekommen hat und vernünftiger Weise in dieser Lage keine weiteren Kinder kriegen sollte.

Was ich damit sagen möchte: meine Onkologin und ich stehen in diesem Thema auf den beiden entgegengesetztesten Seiten, auf denen man wohl stehen kann. Emotion gegen Vernunft. Gefühl gegen Medizin. Ein Herzenswunsch gegen Statistiken.

Da mir all diese Gegensätze durchaus bewusst sind, habe ich nicht erwartet, laut jubelnd und beglückwünscht von ihr begrüßt zu werden.

Dennoch fühlt sich der heutige Termin schon eher niederschmetternd an: Kurz nach der obligatorischen Frage, nach meinem Wohlbefinden, prescht sie auch schon mit dem weiteren Plan für nach der Geburt los (also in ca. 6 Monaten): Ich solle Tamoxifen so schnell wie möglich wieder nehmen – Selbstverständlich werde ich es sobald wie möglich wieder nehmen, aber das Wochenbett hätte ich meinem Körper schon noch gegönnt- Naja, vielleicht nicht direkt am Tag nach der Geburt, aber dann schon sehr bald.

Ich empfinde diese Einstellung und das Vorgehen dann doch etwas zu radikal und fühle mich zum ersten Mal von ihr nicht sonderlich einfühlsam betreut. Aber sie hat noch den nächsten Hammer für mich auf Lager: Wir sollten auch darüber nachdenken, die Eierstöcke eventuell sogar direkt mit der Geburt (falls es ein Kaiserschnitt wird) mit zu entfernen. Auch das erscheint mir doch etwas zu radikal: Eierstöcke entfernen: ja, muss ich irgendwann! Über den Zeitpunkt nachdenken: Ja, auch das. Nicht mehr 10 Jahre warten damit: Schon klar. Aber SOFORT nach der Geburt?! Ich bin immer noch ein menschliches Wesen und die Hormone von “Schwanger”, also explosiv hoch auf “Wechseljahre”, also praktisch nicht mehr existent zu drücken innerhalb von, naja, einem Tag, das entbehrt sich mir jeglicher Rechtfertigung. Und über Eierstöcke entfernen sprachen wir immer mit der Grenze 40 und nicht plötzlich 37.

Im Verlauf des Gespräches erscheint wohl auch ihr dieses Vorgehen ein wenig zu extrem. Dennoch solle ich für 2021 einplanen, die Eierstöcke zu entfernen.

Ich halte wahnsinnig viel von meiner Onkologin, sie ist in ihrem Gebiet hervorragend ausgebildet und sie hat mein Leben gerettet. Aber in diesem Punkt vertrete ich dennoch meine ganz eigene Meinung und die heißt momentan: endlich mein ersehntes Babygirl bekommen und dann das Mama-sein GENIEßEN, ohne dass der Krebs wieder ständig meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Dennoch frustriert mich der heutige Besuch schon ziemlich.

Heute steht eine besondere Untersuchung an: Der NIPT, also der Nicht-invasive Pränatal-Test.

Dieser Test ist eine Eigenleistung und wird somit von den Krankenkassen nicht finanziert. Ganz günstig ist er mit rund 500 Euro ebenfalls nicht. 

Wieso also das Ganze?

Beim NIPT können vor allem diverse Trisonomien, also Gendefekte erkannt werden. Natürlich liefern die Ergebnisse auch hier nur Wahrscheinlichkeiten und können nicht absolut interpretiert werden.

Wer diesen Test also für sich als sinnvoll oder notwendig empfindet, muss diese Entscheidung individuell treffen. Man sollte sich allerdings auch der Tatsache bewusst sein, dass ein „negatives“ Ergebnis in der Regel auch eine Entscheidung oder zumindest eine intensive Auseinandersetzung mit dem Risiko nach sich zieht.

Wir hatten diesen Test bereits bei Junior gemacht. Es war zum Glück alles in Ordnung und wir mussten uns keine weiterführenden Gedanken machen.

In meiner aktuellen Schwangerschaft hatte mir allerdings auch meine Frauenärztin dazu geraten, den NIPT machen zu lassen, um mögliche Schäden am Baby möglichst ausschließen zu können.

Ich musste dazu nicht lange überredet werden und habe bereits in der 8. Schwangerschaftswoche einen Termin ausgemacht. Dieser findet in der Regel um die 12. SSW statt.

Das kleine Highlight bei dem Test ist, dass auch das Geschlecht mit 100 prozentiger Sicherheit bestimmt werden kann. Das dürfen die Ärzte aber nach deutschem Gesetz erst in der 15.SSW den Eltern mitteilen.
Der perfide Grund hierfür ist, dass zu diesem Zeitpunkt eine Abtreibung „ohne Grund“ nicht mehr möglich ist. Man möchte mit dem Gesetz also vermeiden, dass ein Kind aufgrund des „falschen“ Geschlechtes abgetrieben wird. Eine gruselige Vorstellung, wenn man mich fragt. Das Eltern hierzu anscheinend in der Lage sind. Und das auch noch so häufig, dass es ein Gesetz dazu geben muss…

Schade für uns, dann müssen wir uns diesbezüglich noch etwas gedulden.

Heute findet also der Termin statt. Hierfür muss ich in eine Frauenarztpraxis fahren, die sich auf Pränatalmedizin spezialisiert hat. Zu meinem Glück konnte meine Frauenärztin mir direkt eine gute Kollegin empfehlen.

Leider muss ich diesen Termin wieder einmal coronabedingt alleine wahrnehmen.

Die äußerst nette Arzthelferin fragt erst einmal diverse Gesundheitsdaten ab. Natürlich kommt auch meine Brustkrebserkrankung in den Anamnesebogen.
Kurz darauf werde ich zur Ärztin hereingerufen.

Sie macht einen äußerst kompetenten Eindruck auf mich und obwohl ich den NIPT eigentlich bereits bei Junior habe machen lassen, erfahre ich von ihr Dinge, die für mich komplett neue Informationen darstellen.
So klärt sie mich insbesondere über die Wichtigkeit des Ultraschalls in Verbindung mit dem Bluttest auf. Damals bei Junior wurde mir nur Blut abgenommen und ich bekam ein Ergebnis.

Diese Ärztin sieht darin maximal die Hälfte der Leistung. Der Ultraschall könne durch diverse Vermessungen, Berechnungen und bildlichen Analysen bereits eine Vielzahl an Fehlbildungen ausschließen, bzw. erkennen. Insbesondere das natürlich geschulte Auge einer spezialisierten Pränatalärztin komplettiert diese Interpretationen.

Ich fühle mich bei der Ärztin in äußerst guten Händen und nach einem langen Aufklärungsgespräch, begeben wir uns zum ca 30 Minütigen Ultraschall.

Es ist phänomenal, dem Baby so lange Zeit bei seinen akrobatischen Turnübungen in meinem Bauch zusehen zu dürfen. Ich vermisse meinen Mann. Das wäre auch ein wundervolles Erlebnis für ihn.

Das Bällchen in meinem Bauch fühlt sich pudelwohl und die Ärztin kann auch nur positives am Bällchen erkennen. Es liegt zudem in perfekter Position und lässt sich bereitwillig von uns vermessen und bestaunen.
Ich bin jetzt schon unendlich verliebt in dieses wundervolle Wesen in mir.

Der Ultraschall ist bereits nach 20 Minuten beendet, da die Ärztin alles perfekt sehen und vermessen konnte. Es scheint alles in bester Ordnung und wie sie mir logisch erklärt, ist das Risiko des Babys für Fehlbildungen aktuell bereits um einiges geringer, als zu dem Zeitpunkt als ich die Praxis betrat.
Welche Mama hört das nicht gern?!

Auf das Ergebnis des Bluttests muss ich noch einige Tage warten.

08.09.2020

Abends spricht mir die Ärztin auf die Mailbox: alles bestens. Keine Auffälligkeiten am Bällchen festzustellen! Sehr gut, das wollten wir hören.

Ab Freitag darf ich mich bei ihr melden und nach dem Geschlecht fragen.

Es ist kein Geheimnis, dass mein Mann und ich uns ein Mädchen wünschen! Es bleibt spannend…

11.09.2020

Als es endlich Freitag ist, rufe ich sofort um 8.00 Uhr zur Öffnungszeit der Praxis an. Dieses “Früher-Wurm-Verhalten” bringt mir ein freundliches Gelächter der Arzthelferin ein. Sie ist sichtlich amüsiert, dass ich so neugierig bin. 

Auf meine Frage nach dem Geschlecht folgt ein filmähnlicher Moment: “Oh, einen Moment, der PC hat sich gerade aufgehängt…” Stille. Genau jetzt?!?!? Na gut, ich warte…

Kurz darauf höre ich die nette Dame wieder: “Es ist ein Mädchen!”

Meine Freude darüber zeige ich bereits am Telefon ohne Reue. 

Als ich im Anschluss meinen Mann suche, um ihm die News mitzuteilen, schaffe ich es keine Sekunde lang, ein Pokerface aufzusetzen: MÄDCHEN! Platzt es aus mir heraus und wir hüpfen unverblümt vor Freude durch das Wohnzimmer. 

In diesem Moment fühlt sich mein Leben perfekt an!

7.7.2020

So früh in einer Schwangerschaft macht es natürlich noch keinen Sinn zum Frauenarzt zu gehen. Ich hatte allerdings heute einen regulären Nachsorgetermin. Und wenn man vier Tage nach dem positiven Schwangerschaftstest ohnehin bei seiner Frauenärztin auf dem Stuhl sitzt, dann lässt man diese Information in der Regel nicht unerwähnt.
In erster Linie will ich also nur die Schwangerschaft bestätigt wissen. Ich war leider nicht auf das gefasst, was dann kam…

Die Ärztin sieht sich also im Ultraschall meine Gebärmutter an: keine Fruchthöhle zu sehen. Das ist erstmal für sich genommen noch nichts beunruhigendes am Tag 18 nach der Befruchtung. Allerdings erklärt sie mir, dass die Sichtbarkeit mit der Höhe des HCG Wertes in meinem Körper zusammenhängt.

Solange dieser unter 1.000 läge, wäre es völlig normal, dass man im Ultraschall noch nichts erkennen kann.

Sie nimmt mir also Blut ab, um den HCG Wert zu messen und entlässt mich nach Hause ohne eine definitive Bestätigung meiner Schwangerschaft. Zugegeben, das ist vielleicht gierig von mir gewesen, aber ich hatte mir leider deutlich mehr (und vor allem positiveres) erhofft!

Aber es hat sich ja niemand so ausgesucht, es heißt mal wieder: WARTEN!

Einen Folgetermin haben wir in zwei Tagen ausgemacht, dann würde man schon eine deutliche Veränderungen sehen müssen.
Wohl ist mir bei der ganzen Sache irgendwie nicht!

8.7.2020
Ironischerweise ist heute mein Geburtstag! Ein schönes Geschenk bekomme ich leider nicht!

Gleich morgens ruft mich meine Frauenärztin an. Wieder erwarte ich ein: “Alles ok” von ihr und wieder werde ich leider enttäuscht!

Sie hätte lange überlegt, ob sie mich an meinem Geburtstag anrufen solle, aber nach Rücksprache mit ihrer Kollegin sei klar gewesen, dass sie mir diese wichtige Information auch trotz meines Geburtstages keinesfalls vorenthalten könne:
Der HCG Wert liegt leider deutlich über 1.000, um genau zu sein bei 2.500. Das heißt, dass man zumindest eine Fruchthöhle hätten sehen müssen und das Risiko einer Eileiterschwangerschaft somit deutlich erhöht ist.

Bei einer Eileiterschwangerschaft nistet sich -wie der Name schon sagt- die Eizelle nicht wie gewünscht in der Gebärmutter ein, sondern eben im Eileiter ein. Hier ist natürlich kein Platz für das Baby und somit muss eine Eileiterschwangerschaft (wenn sie nicht von alleine abbricht) aktiv beendet werden!

Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Kann das wahr sein, nach dem langen Weg, den wir hinter uns haben, dass das nun das Ende vom Lied ist? Dass ich mein lange ersehntes Kind nicht nur nicht bekomme, sondern auch noch selber dafür zu sorgen habe, dass es abgeht.

Das ist zuviel für mich. Mein Tag ist gelaufen. Morgen soll ich nochmal zur Kontrolle kommen. Die zwei Tage zwischen den beiden Ultraschall würden schon für eine Veränderung ausreichen, wenn das Baby sich nur “versteckt” hätte.

Mein Mann ist wie immer eisern optimistisch. Er versucht es mit seiner bewährten Eistellung, mich zu beruhigen: Du brauchst dir heute noch nicht tausend Gedanken machen, das kannst du immer noch tun, wenn die schlechte Nachricht sicher ist!

Manchmal beneide ich ihn um seine verschiebbare Sorge. Bei mir kommt dieser Satz leider immer im rationalen Teil meines Gehirns an, scheitert aber regelmäßig kläglich an meiner Emotion: Ich mache mir ungefähr eine Million Sorgen! Wenn unser gewünschtes Wunschkind nun eine Eileiterschwangerschaft ist, verlieren wir nicht nur ein Kind. Wir verlieren zudem auch wertvolle Zeit. Denn unsere Deadline bis zum 31.12.2020 schwanger sein zu “müssen” steht. Nach einer Eileiterschwangerschaft ist es nicht ratsam, sofort wieder mit der Behandlung weiterzumachen. Zudem müsste im schlimmsten Fall eine Ausschabung gemacht werden. Alles Dinge, die Zeit kosten. Nicht zu vergessen, der psychische Aspekt, der verarbeitet werden möchte, wenn man ein Baby verliert. In mir steigt die Panik auf. Zudem die Hoffnungslosigkeit und die Fassungslosigkeit, dass uns das jetzt am “Ende” auch noch passieren muss.

Ich muss leider sagen, ich habe kaum mehr Optimismus zur Verfügung, um noch zu hoffen, das alles gut ist.

09.07.2020

Leider kenne ich dieses Spiel zugenüge: Du sitzt im Wartezimmer und weißt, dass der Termin in wenigen Minuten dein ganzes Leben verändern wird. Entweder zum Guten oder eben zum Schlechten. Die Aufregung wird auch durch ständige Wiederholung nicht weniger Folter.

Irgendwann bin ich an der Reihe. Ich schleiche gebeutelt in das Sprechzimmer. Meine Ärztin leidet mit mir. Sie ist einfach nur toll.

Ohne viel Tam-Tam liege ich umgehend auf dem Behandlungsstuhl. Sie macht den Ultraschall und für mich stellt das Bild ohnehin nur ein Ameisenrennen dar. Ich erkenne gar nichts. Es dauert nicht lange, da stößt sie einen Laut aus, umfasst mein Knie und ruft schon beinahe: “Da ist es!”

Ich muss zugeben, mir steigen die Tränen in die Augen. Meine Ärztin ist ebenfalls mehr als sichtbar erleichtert.

Der Termin dauert nicht mehr lange, aber er verändert eben doch mein Leben nachhaltig: nur dieses Mal endgültig zum Guten!

Wir bekommen ein Baby! Fast viereinhalb Jahre nach meiner Brustkrebsdiagnose werden wir endlich zu viert sein. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Mein Mann und Junior sind heute Vormittag bei der Musikgruppe. Die dauert gerade mal eine gute halbe Stunde, also nicht viel Zeit für mich, meinen geheimen Plan auszuführen: Beim Schwangerschaftstest von Junior haben mein Mann und ich gemeinsam die unendlichen 2 Minuten verbracht. Damals war mir allerdings schon ziemlich klar, dass ich schwanger bin.

Heute bin ich nicht so sicher, aber doch sehr sehr zuversichtlich. Meine Temperatur ist heute morgen immer noch nicht gefallen, das könnte das eindeutige Zeichen sein und die Indizien für ein “Positiv” dichten sich.
Ich habe sogar schon heimlich einen teuren clearblue Schwangerschaftstest gekauft. Nicht, dass ich nicht ohnehin gefühlte 200 Stück der günstigen Tests zu Hause haben würde. Aber für ein potenzielles “Positiv” wollte ich mir einen Luxustest gönnen.

Sobald die Jungs weg sind, laufe ich also mit Handy ins Bad. Ich bin perfekt vorbereitet: Teurer Schwangerschaftstest: griffbereit. Handy für 2 Minuten Timer und live-Reaktions-Video (nur für alle Fälle): griffbereit. Sichergestellt, dass die Jungs nichts vergessen haben und nochmal zurückkommen und mich in flagranti erwischen: check.

Herz bis in den Hals klopfen spüren: check. Es kann also los gehen. Zumindest bin ich zuversichtlich. Also ab auf das 10 Euro Stäbchen. Danach kommt mal wieder warten. Der kluge kleine Test zeigt sogar die Phasen seiner Auswertung an. Sobald der Balken vollständig ist, erscheint im Anschluss in Worten das Ergebnis. Das ist besonders erleichternd, denn dann passieren keine grausamen und qualvollen Interpretationsfehler.

Einige der längsten zwei Minuten meines Lebens beginnen… Der Balken arbeitet und mein Herz auch. Ich hoffe, es hüpft vor Aufregung nicht gleich aus mir heraus.

Obwohl es mir ewig vorkommt, merke ich, dass es definitiv schneller geht als 2 Minuten.. 

Der letzte Teil des Balkens… 

Luft anhalten… 

“SCHWANGER”

Schwarz auf grau/beigem Hintergrund das eine kleine Wort, auf das ich seit 1307 Tagen gewartet habe.

186 Wochen und 5 Tage oder 1307 Tage oder 31 368 Stunden oder 1 882 080 Minuten oder 112 924 800 Sekunden sind seit dem Schlimmsten Tag meines Lebens vergangen. 

Und heute stehe ich hier in meinem kleinen Badezimmer mit einem kleinen blau-weißen Stab in der Hand: Ich habe es geschafft. Wir haben es geschafft. Als das Leid und die Sorgen, Ängste, Hoffnungen. Vorbereitungen, Schmerzen, Entbehrungen, der Neid und unzählige Tränen haben mich hier und heute an diesen Punkt gebracht- zu diesem einen Wort, dass mir alles bedeutet: schwanger.

Ich weine! Endlich einmal mehr vor lauter Glück. All das liegt hinter mir, der ewige Weg und heute wird einer meiner größten Wünsche Wirklichkeit: ich bin schwanger.

08.06.2020

Wieder eine Runde Letrozol. Da ich aber schon eine leichte Abneigung gegen die Nebenwirkung der drei Tabletten habe, beschließe ich klamm heimlich diesen Zyklus nur noch zwei pro Tag zu nehmen. Ich vertraue meinem Körper und bin der Meinung, dass er das mit dem Eisprung ganz gut hingekriegt hat. So geht es mir zumindest im Bezug auf die Nebenwirkungen besser diesen Zyklus und ich kann meine Entscheidung mit meinem Gewissen ziemlich gut vereinbaren.
Same procedure…

 

15.06.2020: Zyklustag 10
Wie ich es erhofft hatte, kein mein Körper auch sehr gut mit einer kleineren Portion Letrozol: Die erste Kontroll ergibt auf der rechten Seite wieder zwei Eier: 14mm und 17mm. Das ist eine ordentliche Hausnummer für Tag 10!
Wie letztes Mal: Risiko Zwillinge… Ja, ist ok…Los geht’s!

 

17.06.2020: Zyklustag 12
Heute gibt es schon das GO für die HCG Auslösung. Also wieder Brevactid 5000 am Abend gespritzt und mental auf die seeeehr baldige dritte Insemination eingestellt. Dieses Mal habe ich allerdings keine sonderlich großen Hoffnungen. Ich frage mich schlicht, WARUM es dieses Mal plötzlich klappen sollte. Mit meinem Mann bin ich mir einig: Wir verlieren wertvolle Zeit und wenn es dieses Mal nicht klappt, dann werden wir nochmal mit dem Guru des Kinderwunschzentrums sprechen und uns einen anderen Weg überlegen. Im schlimmsten Fall auch mit etwas mehr Hormoneinnahme.


So genau wissen wir es noch nicht. Aber wir sind uns einig, dass wir nicht nochmal drei weitere Zyklen mit der Insemination vertun wollen.

 

19.06.2020

Dritter Versuch. Aller guten Dinge sind ja bekanntermaßen drei. Also nehme ich nochmal all meine Zuversicht und Hoffnungen zusammen und starte in den dritten Zyklus. Wenn es wieder nicht klappt, müssen wir uns einen Plan B ausdenken. Ich möchte noch gar nicht daran denken, aber ich frage mich schon, wieso es zweimal nicht funktioniert und dann plötzlich beim dritten Mal klappen sollte. Die Chance steigt ja nicht unbedingt mit den Versuchen- zumindest in diesem Fall.


Das Prozedere ist wie immer dasselbe. Erst mein Mann, dann Ablöse bei der Betreuung, dann lange anstehen und irgendwann wird meine Nummer aufgerufen und ich bin dran. Kurzer Check, ob das Reagenzgläschen auch tatsächlich von meinem Wunschpapa stammt und ab ins Behandlungszimmer.
Ich bin trotz der Wiederholungen ziemlich nervös.

 

Nachdem die Anzahl der Wunsch-Mamis im Zentrum inzwischen wieder stark gestiegen ist, bleibt keine Zeit für mich, nach der Behandlung liegen zu bleiben. Das heißt: desinfizieren, Sperma einführen, anziehen, heimgehen. Das könnte später die ziemlich trockene Entstehungsgeschichte unseres zweiten Kindes darstellen. Aber soweit sind wir jetzt gerade noch nicht!


Nach der Behandlung muss ich nochmal die After-Behandlungs-Medikamente in der Apotheke holen. Danach fahre ich wie gewohnt nach Hause und der Tag bringt keine weiteren Besonderheiten. Mein Bauch wird sich den restlichen Tag wieder ziemlich aufgebläht anfühlen. Aber auch hier gilt: nichts Neues!


So beginnt die schlimme Phase der Kinderwunschbehandlung zum dritten Mal: Warten und nichts tun können.


Die Tage vergehen im Alltag

 

20.06.2020
Meine Temperatur beträgt 37 Grad. Zum aktuellen Zeitpunkt ist das nichts besonderes.
Um 19.15 Uhr spritze ich mir die erste Portion (1500) HCG. Hoffen wir, dass es diesmal auch etwas nützt!

 

22.06.2020
Ich bekomme die altbekannten Unterleibsschmerzen, die bis jetzt jedes Mal nach der Insemination auftraten. Allerings spüre ich am Abend ein leichtes Ziehen auf der rechten Seite. Zwischendrin ein ganz winzig kleines Kribbeln… Sollte das…?!? In der sogenannten Hibbelzeit interpretiert frau ja bekanntermaßen jedes Zwicken als Symptom – also ruhig bleiben und bloß nichts überbewerten!

 

23.06.2020
Von ziemlich genau 11.32 bis 11.36 (ja, ich bin ziemlich pedantisch, was solche Dinge angeht) spüre ich ein kräftiges Ziehen auf der rechten Seite. Ich sitze gerade vor dem Fernseher und bearbeite einige Dinge am PC. Diese Art von Schmerz kommt schon ziemlich an die Erfahrung bei Junior damals ran und der Tag würde auch ziemlich gut passen.
Jetzt nur nicht übermütig werden, aber diese Art von Ziehen hatte ich die letzten beiden Male nicht.
Am Abend gegen 20 Uhr wird mein Gefühl nochmal beflügelt: ich sitze draußen entspannt auf der Gartenliege und plötzlich spüre ich mehrmals hintereinander kurz, aber dafür umso heftiger ein Ziehen in der rechten Eierstockseite. Das könnte jetzt aber wirklich was bedeuten. Zumindest bedeutet es eine realistischere Chance, als die Male davor, als ich gar nichts spürte.
Trotzdem: Abwarten, es hilft alles nichts!

 

28.06.2020
Die letzten Tage vergingen ohne großartige nennenswerte Auffälligkeiten. Dennoch ist mein Gefühl weiterhin ganz gut. Ich möchte mich aber nicht wieder in eine Hoffnung stürzen, die am Schluss qualvoll zerstört wird. Ich habe keine andere Wahl, als weiter zu warten
Das erste einigermaßen neutrale Anzeichen, dass es eventuell geklappt haben könnte (in Anbetracht von mindestens 5 Konjunktiven), sind die Ovulationstests. Ungeduldige Frauen im Kinderwunschmodus verwenden sie zum sogenannten “Orakeln”. Das heißt, wenn die Ovulationstests, die ja ihrem offensichtlichem Namen nach zum bestimmen des Ovulationszeitpunktes (also Eisprung) gedacht sind, in dem Zeitraum auf die erwartete Periode hin weiterhin eine zweite dunkle Linie (also eigentlich die Annäherung an den Eisprung) anzeigen, dann könnte dies auf einen erhöhten HCG Wert schließen und somit gegebenenfalls auf eine Schwangerschaft.


Es heißt allerdings nicht umsonst oraklen. Und im Zusammenhang mit der Kinderwunschbehandlung, in der ja eben nach der “Befruchtung” noch HCG gespritzt wird, muss man ohnehin etwas vorsichtig sein. Diesem Trugschluss bin ich leider schon im letzten Zyklus auf den Leim gegangen, denn der Schwangerschaftstest schlägt eben auf erhöhtes HCG an, ganz gleich, wo dieses herkommt.

 

Jedenfalls sieht mein Orakel diesen Monat tatsächlich anders aus, als in den vorhergehenden Zyklen und könnte als positiv gedeutet werden. Die Zeichen verdichten sich, meine Zuversicht steigt. Dies Angst vor einer falschen Hoffnung allerdings bleibt.

 

2.7.2020
Die Temperatur müsste im schlechten Fall heute fallen. Tut sie nicht. Aber auch diesbezüglich habe ich schon einen Fehlalarm hinter mir. Sie fiel dann am nächsten Tag und schwups kam wieder die rote Pest. Also nicht mehr als vorsichtige Zuversicht aufkommen lassen!

 

3.7.2020
Jeden einzelnen Zyklus hatte ich Junior gefragt: “Und, meinst du die Mama hat ein Baby im Bauch?” Ich hatte schon mehrfach gelesen, dass ältere Geschwisterkinder oftmals vor ihren Müttern wussten, dass sie schwanger sind. Mit solchen Geschichten kann man mich ja super triggern, also war das immer meine 50% ernsthafte und 50% ironische Frage an ihn.
Diesen Zyklus habe ich ihn noch nicht gefragt. Stattdessen liege ich auf der Gartenliege in der Sonne, als er zu mir kommt und sich auf meinen Bauch setzt. Völlig ohne Vorwarnung tätschelt er meinen Bauch und fragt mich völlig selbstverständlich: “Mama, wie lange ist das Baby schon in deinem Bauch?” Ich konnte nur lachen und vor allem innerlich ziemlich stark schmunzeln. “Ich weiß gar nicht, ob da ein Baby drin ist!” Und der Junior nur ganz entspannt “Doch Mama, da ist ein Baby drin!!!”

Nach der Insemination ist vor der Insemination! Also geht es heiter weiter….naja…


Vom 11.05.2020 bis 16.05.2020 nehme ich also wieder Letrozol 3 mal täglich. Das vertrage ich soweit ganz gut, allerdings habe ich schon ein starkes Spannungsgefühl im Unterleib. Es ist nicht wirklich schlimm, aber wohlfühlen sieht schon anders aus.


Dennoch bin ich froh, sobald es vorbei ist.


Dieses Mal ist der erste Kontrolltermin etwas später angesetzt.

 

19.05.2020: Zyklustag 11
Die Kontrolle ergibt, dass auf der linken Seite nicht nur ein Follikel, sondern gleich zwei in den Startlöchern stehen. Der eine 14mm der andere 15mm. Das erste, was mir dazu in den Sinn kommt, frage ich auch umgehend die Ärztin: “Ist es möglich, dass es dann Zwillinge werden?” Ganz klar: Ja. Wenn zwei Eier relativ groß sind, dann werden auch beide Eier weiterwachsen und somit besteht ein höheres “Risiko” für zweieiige Zwillinge.


Schluck…ok. 

Zumindest war das deutlich. Die Ärztin spricht von der Möglichkeit, dass man die Stimulation wieder etwas runterregeln kann, um auf ein Ei zu reduzieren. Das kommt für mich alles nicht in Frage. Zum einen werde ich nicht noch mehr künstliche Eingriffe in meinen Körper vornehmen, als es die Medikamente ohnehin tun und zum anderen wünsche ich mir so sehr ein weiteres Kind, das ZWEI ganz bestimmt kein Hinderungsgrund sind – eher eine Herausforderung!


Also weiter, wie geplant. Nur mit meinem Mann möchte ich das kurz nochmal abklären, damit er nicht im Fall der Fälle in Ohnmacht fällt. Wir sind uns einig: der Plan ist natürlich nur eins, aber alles was wir geschenkt bekommen, würden wir glückseelig annehmen und unendlich lieben. 

Also weiter im Text…

 

20.05.2020: Zyklustag 12
Der Eisprung ist diesen Monat deutlich früher, als letztes Mal. Somit löse ich bereits heute mit der Brevactid-Spritze den Eisprung aus. Allerdings erst spät abends. Die zweite Insemination ist wieder auf Freitag angesetzt.

 

21.05.2020: Zyklustag 13
Ich ruhe mich aus und versuche mir so wenig Stress wie möglich zu machen. Allerdings denke ich viel über die Thematik der “Zwillinge” nach. Dennoch vertraue ich der Natur, sie wird es schon richtig machen!
Um mich mental etwas herunterzufahren, habe ich in den letzten Tagen vermehrt meditiert. Denn auch der nicht ganz präsente Stress, den man sich selber macht, kann eine Befruchtung verhindern. Also versuche ich alles mögliche, um möglichst enspannt zu bleiben.
Dennoch bin ich natürlich wieder sehr aufgeregt.

 

Freitag, 22. Mai 2020: Zyklustag 14 (…wie im Biologiebuch)
Heute steht die zweite Insemination an. Besser vorbereitet kann ich gar nicht sein: Wenn es eine Prüfung wäre, würde ich mit dem Gefühl einer sicheren 1 hineingehen. Ganz so leicht lässt sich die Natur leider nicht bezwingen. Also auf zum Kinderwunschzentrum. Mein Mann ist um 8.30 Uhr dran – also mal wieder für unsere neuen Verhältnisse früh aufstehen. Nach einem schnellen Kaffee fährt er los. Angekommen trifft er erstmal auf fünf weitere Mitstreiter. Alles nicht sonderlich romantisch, aber egal – heute geht es um Pragmatismus.


Somit hat dann mein Mann auch seinen Job erledigt.

 

Eine Stunde später beginnt mein Part. 

Vielmehr: mein Part sollte beginnen. Nach der erneut komplizierten Parkplatzsuche, komme ich so einigermaßen pünktlich an; zumindest am Haus des Kinderwunschzentrums. Denn von der Anmeldung trennen mich nicht nur etwas 20 Wunsch-Mütter, sondern heute auch noch ein ganzes Stockwerk. 

Corona macht’s möglich: 

Wir stehen uns allesamt brav mit Mundschutz eine Stunde lang die Beine in den Bauch, bis wir uns endlich im Olymp der Kinderwünscherfüllungsmaschinerie anmelden dürfen. Mein Termin hilft mir hierbei äußerst wenig. Der lange Weg zum Wunschkind bekommt eine ganz neue Bedeutung.

 

Nach und nach habe ich mich also mit den anderen Damen nach oben durchgewartet. Dann geht es tatsächlich recht schnell. Kurzer Datenabgleich und der Kasten mit dem heiligen Sekret und ich finden unseren Weg Richtung Arztzimmer. Same procedure as for weeks ago, selber Raum, selbe Ärztin, hoffentlich anderes Ergebnis.


Die Insemination an sich geht wieder ganz schnell: kurzer Ultraschall auf meinen Wunsch hin – die Geschichte mit den zwei Eizellen bleibt in meinem Kopf präsent. Doch nicht nur da, auch in meinem Eierstock sehen die beiden 20mm Eizellen ziemlich startklar und groß aus. Also Katheter rein, Desinfektionslösung durchgespült und schon sind die kleinen Schwimmer dran. Fertig, danke, das war’s, auf Wiedersehen. Wer eine romantische Geschichte für die Zeugung seines Kindes sucht, geht besser nie ins Kinderwunschzentrum.


Ab jetzt heißt es wieder Daumen drücken. Aber auch meinem Uterus ist der kurze Besuch nicht entgangen. Den restlichen Tag fühlt sich mein Bauch an, als hätte ich einen Basketball verschluckt und später kommen die gefühlten Nadelstiche dazu. Ich interpretiere das einfach als Zeichen von Bewegung. Wenn es zwickt und zwackt, dann arbeitet irgendetwas in mir. Hoffen wir mal, dass ich die richtige Arbeit ist. Oder die Entstehung von Zwillingen fühlt sich eben so an.

 

23.05.2020: Zyklustag 15
Dieses Mal muss ich im Nachgang keine weitere HCG Spritze spritzen, sondern bekomme Progesteron Tabletten, die 2 mal täglich vaginal eingeführt werden. Lutinus heißen sie und ich soll sie die kommenden 12 Tage täglich verwenden.


Die Tabletten sind an sich nicht schlimm, aber in der Verwendung sehr unangenehm. Nach dem Einführen lösen sie sich (logischerweise) auf. Allerdings werden sie dabei eben so krümelig, wie normale Tabletten, die man zu lange im Mund behält.


Diese krümmelige Paste bleibt im Anschluss leider nicht wirklich da, wo sie sein soll und krümmelt irgendwie halb wieder raus. Das ist in keinster Weise schmerzhaft, aber dafür umso nerviger und auch unangenehm.

Jetzt kommt wieder die Wartephase. Ich spüre immer mal wieder ein Zwicken und Zwacken im Bauch, aber nichts was ich wirklich interpretieren könnte. Ich träume fast jede Nacht vom Thema Schwangerschaft. Meist sind es- wie in den vergangenen Jahren in der Realität- meine Freundinnen, die schwanger sind.


Am Zyklustag 23 mache ich einen großen Fehler. 

Da beim Junior der Schwangerschaftstest bereits 2 Tage vor dem Ausbleiben der Periode gaaaaaanz leicht positiv war, wurde ich heute auch wahnsinnig ungeduldig. Da ich leider zu viele (billige) Schwangerschaftstests zuhause rumliegen habe, konnte ich nicht widerstehen.


Gesagt, getan… bereut! 

Ich habe den Test gemacht und eine gaaaaaaz leichte zweite Linie gesehen. Bin schon völlig aus dem Häuschen geraten und hatte den restlichen Tag ein super Gefühl. Ich habe allerdings noch nichts erzählt, weil ich ja wusste, dass es “zu früh” ist – nur so für mich als Tendenz, habe ich gedacht…


Leider hat es fast den gesamten Tag gedauert, dass ich kapiert habe, dass meine Eisprungspritze noch nicht so lange her ist, dass das HCG komplett abgebaut wurde!


Rumms!!! Die bittere Pille der Enttäuschung! Außerdem schäme ich mich ziemlich dafür, so dämlich zu sein! Das ist DER FEHLER, weshalb man nicht zu früh testen darf!!! Als ob ich es nicht besser wüsste…


Nach diesem Reinfall hüte ich mich, nochmal zu früh zu testen.

 

04.06.2020: Zyklustag 27 (ES+13)
Der Test ist (wieder) blütenweiß. Ich warte noch auf den Temperaturabfall und dann auf meine Periode. Das wirklich schlimme ist, das ich mir trotzdem mal wieder hier und da weitere Hoffnung mache, dass es ja auch zu früh gewesen sein kann… dass nicht alles nach Schema F läuft… und das Schlimmste… GOOGLE! Google hat natürlich unzählige Beispiele dafür, dass der Test negativ war und die Frau dann trotzdem schwanger. Ganz klar: wieso sollte nicht ICH eine von denen sein. Ach ja, “Die Hoffnung stirbt zuletzt” kann auch wirklich eine Qual sein.

 

06.06.2020
Die Enttäuschung ist groß: Worauf ich viele Monate sehnsüchtig gewartet habe, ist inzwischen der erklärte Feind: Meine Periode! Armes Ding, erst lang ersehnt, dann tief verachtet.


Sie lässt sich zumindest nicht von meinen innerlichen Abwehrreden beeindrucken. Sie ist die Natur, und die Natur ist immer der Chef: sie kommt. Mal wieder- mit wenig trara, aber als eindeutiges Zeichen: keine Schwangerschaft.


Ich bin am Boden zerstört. Mein Mann muss wieder als moralische Stütze einspringen. Ich weine, ich zweifel- an allem: meinem Körper, meinem Gefühl für meinen Körper, am Universum- ob es einen ganz anderen Plan hat als ich, selbst an meiner Gut-Menschlichkeit zweifle ich: vielleicht ist es eine Art Bestrafung… 

So komme ich aus meinem Selbstmitleid gefühlt gar nicht mehr raus. Nur mein Fels kann also noch etwas ändern: unermüdlich hört er sich mein Geheule an und widerlegt jede meiner absurden Theorien mit Hoffnung und dem Apell an meine Geduld. Da kennt er mich über 10 Jahre und glaubt tatsächlich noch, dass ich so etwas wie Geduld in mir trage… ich sage es ja, unermüdlich dieser Mann!


Am Ende meiner kleinen Selbstmitleidsparty beschließe ich wie immer: so geht es nicht weiter. Ich brauche einen Plan B. Also her mit dem Handy und die Finger wund googlen: Und schon habe ich etwas gefunden, dass als nächstes herhalten muss: Radikale Akzeptanz. Das klingt ja einfach: Man muss schließlich nur die Realität akzeptieren und nicht gegen Tatsachen ankämpfen. 

 

Naja, leicht gesagt, schwer getan. In meinem Fall bedeutet es ganz klar: ich muss es aussprechen, laut aussprechen, für mich real werden lassen: „ Ich bin nicht schwanger und vielleicht werde ich es auch niemals werden!“ Autsch, das auszusprechen ist ein Faustschlag. Was so selbstverständlich für Außenstehende klingen mag, ist für mich ein Weltuntergang. 

Den ersten Teil kann ich mir ja noch eingehen lassen, aber ernsthaft: vielleicht niemals?! Geheule folgt, was sonst. Dennoch gebe ich mir die volle Dröhnung. Immer und immer wieder spreche ich diesen simplen und so folgenschweren Satz laut aus. Nach dem gefühlt hundertsten Mal ist er auch irgendwann in meinem Kopf angekommen. 

 

Das Bemerkenswerte allerdings daran ist: ich spüre Erleichterung. Wie jetzt, Erleichterung?! Habe ich den Inhalt doch nicht kapiert? Doch, aber eben genau hierin liegt der Zauber der Radikalen Akzeptanz: Der Widerstand gegen die Realität darf sich auflösen. Und das befreit ungemein. Mehr, als ich es mir hätte vorstellen können. So überstehe ich also auch diesen frustrierenden Tag und finde einen kleinen neune Schimmer Hoffnung.

Es hilft alles nichts, nach der Insemination ist…. naja, weiter geht’s halt!

 

Heute ist es endlich soweit: Meine erste Insemination kann starten. Allein, dass es überhaupt in meinem Leben zu diesem Punkt gekommen ist, treibt mir die Freudentränen in die Augen.


Mein Mann muss um 10 Uhr im Kinderwunschzentrum sein. Da hat er seinen Job für die Befruchtung zu erledigen. Das Spermiogramm wird im Vorfeld ausgewertet, um sicherzustellen, dass es nicht bereits an der Qualität der Spermien hapern könnte, dass sich die Eizelle befruchten lässt. Sein Spermiogramm ist vollkommen in Ordnung und wir können den Versuch wagen.


Mein Mann kommt nach seinem Auftrag nach Hause und ich fahre los. Die Übergabe von Junior erfolgt rasch an der Tür. Ich bin ziemlich aufgeregt, als ich mich der Klinik nähere. Junior war auch eine Insemination und er entstand direkt beim ersten Versuch. Mit diesem Wissen beflügelt, hege ich größte Hoffnungen für den heutigen Termin. 

 

Das Prozedere kenne ich ja zum Glück schon. Es ist allerdings auch wirklich nicht dramatisch: als ich nach der Anmeldungen und eventuellen weiteren Rückfragen im Behandlungszimmer liege, geht es eigentlich ganz schnell: die Insemination an sich dauert keine 5 Minuten. Der jeder Frau bekannte Frauenarztstuhl kommt auch hier zum Einsatz. Als erstes werden die Daten der Spermaentnahme geprüft und abgeglichen, nicht dass es zu einer Verwechslung kommt…


Dann geht es ab auf den Stuhl. Die ebenfalls bekannte in der Regel etwas kalte “Frauenarztgabel” kommt zum Einsatz. Sie stellt in dem ganzen mit den unangehemnsten Part da- also alles wirklich nicht tragisch und null schmerzhaft. Als erstes wird eine Art Desinfektionsmittel in den Gebärmutterhals gespült. Sobald diese Flüssigkeit im Körper ist, ist als nächstes das aufbereitete Sperma an der Reihe. Hiervon merkt man in der Regel gar nichts. Das Gefühl, dass wieder etwas hinaustropft kommt ausschließlich von dem Desinfektionsmittel. Das Sperma ist an der richtigen Stelle im Körper platziert und fließt nicht wieder zurück.


Uneins sind sich die Mediziner, ob es sinnvoll und zielführend ist, nach der Insemination noch etwas liegen zu bleiben oder direkt aufzustehen. 

 

Nachdem ich es logischer finde, dass Liegenbleiben besser ist, frage ich die Ärztin ob ich noch kurz bleiben kann. Sie hat nichts dagegen und somit liege ich kurz darauf alleine im Behandlungszimmer und beschwöre meinen Körper mit meinen Gedanken, dass er sich doch jetzt bitte in aller Ruhe befruchten lassen solle. Mal sehen, wir gut ich ihn im Griff habe… 

 

Nach ca. 20 Minuten stehe ich auf, ziehe mich an und fahre überglücklich nach Hause.


Nun folgt der wirklich schlimmste Teil des gesamten Vorgangs: Warten!


Erst nach frühestens 14 Tagen kann man einen Schwangerschaftstest machen und am besten eigentlich erst nach Ausbleiben der Periode. Bis dahin kann ich nicht mehr viel machen: hop oder top. Nur Hoffnungen kann ich mir jetzt noch machen. Den Rest muss mein Körper erledigen.
Den restlichen Tag ist Junior ziemlich entspannt und wir haben wenig Stress. Da sollte ja immerhin schonmal eine gute Voraussetzung sein.
Ich habe ein gutes Gefühl.

 

25.4.2020
Heute habe ich wenig Lust auf Süßigkeiten, was für mich sehr untypisch ist. Allerdings spannt mein Bauch auch relativ stark, es ist deutlich spürbar, dass in ihm etwas vorgeht. Was es ist, verrät er mir allerdings frühestens in zwei Wochen. Andere Anzeichen verspüre ich heute nicht. Langsam bin ich etwas verunsichert, ob es geklappt haben kann. Ich versuche mich zwanghaft an die Abläufe bei meiner ersten Schwangerschaft zu erinnern. Aber bei aller Liebe kann ich mich nicht mehr an das Körpergefühl am ersten Tag nach der Insemination erinnern. 

 

Also wieder zurück zu meiner eigentlichen Aufgabe: Warten!

 

28.4.2020
Ich spüre immer mal wieder ein kleines Ziehen auf der rechten Seite im Unterbauch. Es ist allerdings nicht von Dauer und auch eher leicht. Ungefähr heute könnte bzw. müsste sich das Ei einnisten. Damals bei Junior habe ich das ziemlich deutlich gespürt und wusste ab dem Moment genau, dass es geklappt hatte. Ich kann mich sogar heute noch an den Ort und die Situation erinnern, als ich den Einnistungsschmerz gespürt habe. Mein heutiges Ziehen ist definitiv nicht so. Ich tröste mich mit der Aussage vieler Mehfachmamas, dass jede Schwangerschaft komplett anders läuft. Also vielleicht habe ich ja nicht jedes Mal Einnistungsschmerzen. Ich hoffe zwar, aber habe kein gutes Gefühl.

 

29.4.2020
Heute muss ich zum zweiten Mal HCG spritzen. Dieses Prozedere musste ich damals bei Junior nicht machen. Ich habe kleine Bedenken, wegen der Hormone. Jedes Hormon, das ich meinem Körper nicht noch extern zuführe, ist mir im Moment das liebste Hormon. Dennoch vertraue ich dem Chefarzt der Klinik und spritze mir die Hormone.

 

30.4.2020
Ich spüre: rein gar nichts! Das kann bekanntermaßen alles oder nichts heißen.

 

3.5.2020
Ich spüre so etwas wie Periodenschmerzen. Zudem ein leichtes Ziehen in der Brust. Auch mein Bauch zieht auf der linken Seite etwas. Einbildung oder Bedeutung?

 

4.5.2020
Ich tendiere heute das erste Mal zu einer Aussage: ich glaube, ich bin schwanger! Mein Bauch ist gebläht, ich habe leichten Druck im Unterleib. Es fühlt sich an wie eine nahende Periode, allerdings eher seitlich, anstatt ansonsten eher in der Mitte.

 

5.5.2020
Da ich fleißig weiterhin Temperatur messe, steigt sie heute noch einmal über 37 Grad. Bei mir eher ungewöhlich. Ansonsten habe ich keinerlei Anzeichen für gar nichts und bin nur gereizt und müde.


Die “Corona Regierung” beschließt heute immerhin einige Öffnungen, so dass es zumindest einen Grund zur Freude gibt.

 

6.5. 2020
Die Temperatur steigt nocheinmal über 37 Grad. Ich frage mich, ob die Kurve triphasisch sein könnte. Allerdings stecke ich in der Temperaturmethode noch nicht so tief drin, dass ich das mit Sicherheit interpretieren könnte.
Ich weiß nur, dass es ein gutes Zeichen wäre, wenn es denn tatsächlich stimmen würde. Meine Stimmung ist heute eher labil und ziemlich emotional.

 

7.5.2020
Heute sagt die Temperatur schon eher etwas aus.

 

9.5.2020
Die Temperatur ist deutlich abgefallen und trotz eingeredeter Hoffnungen ist das ein untrügerisches Zeichen, dass ich NICHT schwanger bin.
Schwups, untermauert auch meine Periode diese Interpretation.
Ich bin sehr traurig, tatsächlich auch enttäuscht von meinem Körper und desillisioniert. Ich hatte mir ehrlich gesagt ziemlich große Hoffnungen gemacht und wollte einen positiven Test auch als Zeichen des Lebens sehen, dass ich eben schwanger sein soll.
Jetzt ist alle Hoffnung dahin und ich komme schwer aus meiner schon leicht panischen Verzweiflung heraus.

Das Gute ist aber auch hier: In einem Ende, steckt ebenfalls ein Anfang: Also auf in den zweiten Zyklus!

 


Endlich, endlich, endlich ist es soweit! 

Meine Periode kommt zurück. 

194 Tage hat sie auf sich warten lassen – Mehr als 6 Monate. 

 

Der Facharzt des Kinderwunschzentrums hatte im Herbst mit 14 Tagen gerechnet. 

 

Die Warterei war eine Qual, aber nun kann der wirklich schwierige Teil beginnen: der Versuch, schwanger zu werden. Erst jetzt werde ich sehen können, an welchem Punkt mein Körper tatsächlich steht. 

Ist er bereit für eine Schwangerschaft? 

Oder wird er versuchen, diese körperliche Belastung zu verhindern? 

Wie lange wird es dauern, falls ich schwanger werde? 

 

Bekanntermaßen kann man selbst nicht viel beitragen, entweder es klappt oder eben nicht. So einfach, wie dieser Satz geschrieben ist, so emotionsgeladen ist er aber auch. 

Was passiert denn wirklich, wenn es gar nicht klappt? 

Werde ich mit dieser Entscheidung der Natur leben können?


Mein Mann hatte von Anfang an die Befürchtung, dass mein Wunsch so stark ist, dass ich ein “Aufgeben” nicht akzeptieren könnte. Ich bin mir was das angeht bei mir leider auch nicht sicher. 

 

Trotzdem setzen wir uns eine “Deadline”: Wenn ich bis zum 31.12.2020 nicht schwanger bin, dann werde ich Tamoxifen wieder nehmen und wir geben den Versuch auf. Schon allein das auszusprechen bereitet mir mehr als nur Magenschmerzen. Das ist tatsächlich mal ein wunder Punkt in meinem Leben, in dem ich nicht rumstochern möchte, sondern ihn ganz klassisch verdrängen. Das tue ich also auch. Bis Ende des Jahres fließt schließlich noch eine Menge Wasser die Isar entlang. Also erstmal starten, nicht über das Aufgeben nachdenken!


Für morgen ist natürlich sofort der Anruf im Kinderwunschzentrum geplant. Für den Moment bin ich unendlich glücklich. Endlich kann meiner (einigermaßen) aktiver Teil beginnen. Ich danke meinem Körper schon jetzt.

 

07.04.2020: Zyklustag 3
Nachdem ich mich im Internet natürlich bis ins kleinste Detail informiert habe, wusste ich bereits im Vorfeld, dass Letrozol zur Stimulation bereits ab dem 3. Zyklustag eingenommen wird, deshalb hatte ich es bei der Terminvereinbarung im Zentrum etwas eilig. Zum Glück sind die Vormittage für die Behandlungen geblockt und somit komme ich schnell an einen Termin.


Corona- geschuldet darf mein Mann allerdings nicht mit. Ist aber auch ok, unseren wichtigen Beratungstermin hatten wir ja bereits im September. Also sitze ich kurz drauf im Zimmer des Ober-Gurus der Kinderwunschklinik. Er ist einfach ein beeindruckender Mann. Ich habe selten jemanden getroffen, der so viel Ruhe und gleichzeitig Kompetenz bis in die neusten Standards ausstrahlt. Er ist definitiv ein Arzt, dem ich voller Überzeugung mein Vertrauen schenke- in meiner Situation unerlässlich, wie ich finde.


Bezüglich Corona sind noch keine Daten vorhanden, inwiefern eine Schwangerschaft beeinträchtigt werden könnte. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass kein erhöhtes Risiko für Mutter oder Kind besteht, selbst wenn es zu einer Coronainfektion käme. Das beruhigt mich schonmal sehr, wo ich mich doch nicht nur einmal gefragt habe, warum “dieses Corona” genau jetzt auftauchen muss, wo wir endlich soweit sind, dass die Behandlung starten kann.


Aber Jammern und Hadern hilft auch hier nichts, die wichtige Info ist, dass von Schwangerschaften aktuell trotz der Krise nicht abgeraten wird. Und die wirklich gute Nachricht ist: im Kinderwunschzentrum ist wohl maximal halb soviel los, wie in “normalen” Zeiten. Also immer schön das Positive im Fokus behalten!


Der Termin bringt nicht viel Neues, nur eben endlich einen Plan, der in Angriff genommen werden kann: 

ab heute für insgesamt fünf Tage Letrozol 3 x 1 Tablette am Tag.

 

11.04.2020: Zyklustag 7
Die erste Kontrolle. 

Mal sehen, was die kleinen Eierstöckchen in den letzten Tagen so produziert haben.
Die Gebärmutterschleimhaut hat sich erst sehr wenig aufgebaut. Das ist (noch) kein Drama, aber sagt eben auch aus, dass der Eisprung noch auf sich warten lässt.


Am rechten Eierstock sitzt ein kleines Follikel, also Eibläschen. Das muss allerdings noch ziemlich kräftig wachsen, bis es springen könnte. Also müssen wir weiterhin abwarten. Allerdings besteht in keiner Hinsicht Grund zur Sorge. Erstmal Geduld ist gefragt.

 

15.04.2020: Zyklustag 11
Zweite Kontrolle. Das Follikel ist etwas gewachsen, hat aber noch keine Größe erreicht, dass es springen könnte. Das kann er ab circa 18mm. Im Durchschnitt springt das Ei bei einer Größe von 22-24mm.


Mein kleines Eichen braucht noch Zeit. Die untersuchende Ärztin spricht schon davon, dass der Versuch abgebrochen werden muss, wenn das Ei zu klein ist. Ich hingegen bin -mal wieder entgegen der Erwartungen von Schulmediziniern- tiefenentspannt: Ich hatte schon mein ganzes Leben lang lange Zyklen von durchschnittlich 35 Tage, also mache ich mir keine Sorgen, dass mein Ei an Tag 11 noch nicht zum Absprung bereit steht. Das dauert noch.

 

20.04.2020: Zyklustag 16
Heute wird es für mich schon spannender: Ist das Ei langsam soweit? Das rechte Follikel ist etwas gewachsen, links sind keine nennenswerten Veränderungen passiert. Aber es kann eben nur ein Ei (außer bei Zwillingen) das Rennen machen, deshalb ist das vollkommen in Ordnung. Die Blutwerte zeigen zudem an, dass der Zyklus sich erwartungsgemäß fortbewegt.


Wir müssen weiter abwarten. Zu Hause bin ich wie immer entspannt und prophezeie meinem Mann, dass am Freitag das Ei soweit sein wird und es zur ersten Insemination kommen wird. Ich kenne meinen Körper!

 

22.04.2020: Zyklustag 18 

Beim letzten Kontrolltermin erweist sich der rechte Follikel als 14 mm groß. Das ist ein guter Wert, denn das Ei wächst ja die kommenden Tage noch etwas weiter. Die Blutwerte geben heute den entscheidenen Hinweis. Die Ergebnisse liegen allerdings erst nachmittags vor. Ich bin und bleibe tiefenentspannt. 

 

Am Nachmittag folgt promt der Anruf: Die Blutwerte sind gut, am Freitag gibt es die erste Insemination. Davor ist allerdings noch einiges zu erledigen.

 

23.04.2020: Zyklustag 19
Um 15 Uhr soll ich mit einer HGC Spritze den Eisprung auslösen. Bis das Ei dann tatsächlich springt dauert es circa 36 Stunden, so dass es mit dem Termin am Freitag gut passen müsste. Wichtig ist nur, dass das Ei nicht vor der Insemination springt.


Sich selbst eine Spritze zu geben ist etwas gewöhnungsbedürftig und wird sicherlich nicht zu einem neuen Hobby, aber was tun man nicht alles… Also rein damit und abwarten, was passiert. Ich spüre ehrlich gesagt gar nichts.


Dennoch bin ich sehr optimistisch für morgen und mental komplett auf “schwanger werden” eingestellt. Visualisiert hatte ich diesen Zustand ja in den letzten Jahren ohnehin bestimmt mehrere tausend Male – kann also nichts schief gehen! Optimismus vor!


Ich bestelle sogar schon ein Schwangerschaftstagebuch. 

Verrückt oder optimistisch? Manchmal liegt das sehr nahe beieinander.

 

24.04.2020: Zyklustag 20
Heute ist DER Tag. So lange herbeigesehnt und nun da. Mein Mann muss um 10.00 Uhr seinen Job erledigen. Er kommt zurück, übernimmt Junior und ich fahre los. Denn die Aufbereitung des Spermas wird circa eine Stunde dauern. Dabei wird es mit einer Flüssigkeit gemischt und zentrifugiert. Das trennt die Samenzellen von der Samenflüssigkeit. Dann werden möglichst viele befruchtungsfähige Samenzellen herausgefiltert, um die Chancen der Insemination zu erhöhen.

24.09.2019

Wir sitzen im Kinderwunschzentrum in München. Auf den Termin mit dem “Oberguru” wie ich ihn gerne nenne, haben wir 9 Monate warten müssen. Doch er ist jede Sekunde wert gewesen. Der Mann ist einfach nur beeindruckend: Er ist nicht mehr ganz jung und strahlt eine Ruhe aus, die unbeschreiblich ist. Gleichzeitig aber auch eine wahnsinnige Kompetenz. Diese Mischung ist mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. 

 

Er nimmt sich spürbar viel Zeit für uns und nimmt jeden Satz, den wir sagen absolut ernst. Ich fühle mich wirklich gut beraten. Das ist sehr wichtig. 

Wir sprechen mit ihm über unseren Plan, Tamoxifen und Zoladex abzusetzen, um schwanger zu werden. Er steigt in die Thematik ein und viele Perspektiven, die uns zu unserer Entscheidung geführt haben, wirft auch er auf. 

 

Zudem berichtet er aus seiner langjährigen Erfahrung, in der er von keinem einzigen Rückfall der Brustkrebserkrankung gehört hat, nachdem eine Schwangerschaft ausgetragen wurde. Das beruhigt mich, zu hören, bei einer solchen Berufserfahrung. 

 

Die ersten Versuche werden wir mit einer Insemination wagen. Er plant, meine Eizellen nach Rückkehr meiner Periode mit “Letrozol” zu stimulieren.  Dies ist ironischerweise ein Medikament, das für die Brustkrebstherapie zugelassen ist und in der Kinderwunschbehandlung nur “off Use” verwendet wird. Dennoch habe es eine gewissen schützende Wirkung während der Einnahme. 

 

Diese Information ist wiederum sehr beruhigend für mich. Der Plan steht also: wir warten auf die Periode und beginnen dann mit Letrozol. 

 

Ganz so leicht lässt sich der Plan leider nicht umsetzten. Im August bekam ich das letzte Mal die Zoladex-Monats-Spritze. Meine Periode müsste also langsam zurückkommen. Das sieht sie leider nicht so und lässt auf sich warten …

 

In der Zwischenzeit verabschiede ich mich auch von meiner täglichen Tamoxifen-Tablette. Etwas mulmig ist mir schon, aber ich bekräftige mich immer selbst zu diesem Schritt. 

 

Außerdem möchte ich noch alle Risiken möglichst verringern, weshalb ich einen “No Proof of Disease” durchführen lasse. Das heißt, ich mache viele Untersuchungen nocheinmal vorsorglich, um ein aktuelles Krebsgeschehen in meinem Körper weitestgehend auszuschließen: MRT Brust & Abdomen, CT Thorax, Darmspiegelung, Hautkrebsscreening. Auf ein weiteres Knochenszintigramm verzichte ich nach Rücksprache mit meiner Onkologin, da die Strahlenbelastung hierbei durchaus hoch ist. 

 

Nachdem alle Untersuchungen ohne Befund abgeschlossen sind, kann es eigentlich losgehen. 

 

Wenn das nur auch meine Periode irgendwie mitbekommen hätte….

Das Ende meiner Chemotherapie jährt sich zum ersten Mal. 

Wer nimmt an dieser Feierlichkeit leider nicht teil? Meine Monatsblutung. 

 

Für meine Onkologin bedeutet ihr Ausbleiben inzwischen ein nahezu sicheres Zeichen, dass ich unfruchtbar geworden bin. Für mich bedeutet es das noch lange nicht. Ich habe Vertrauen in meinen Körper und bin mir weiterhin sicher, dass meine Eierstöcke dabei sind, sich ins Leben zurück zu kämpfen.

 

Am 05.Juni 2018 werden sie es endlich geschafft haben. 

Ich spüre ein Ziehen im Unterbauch. Was folgt ist meine erste Regelblutung seit über zwei Jahren. Weinend falle ich meinem Mann um den Hals und erzähle ihm von den guten Nachrichten: „1“ für mich „0“ für die Statistik der Schulmedizin. Im Folgenden werde ich meine Periode wieder auf den Tag regelmäßig bekommen. Mein Körper hat es geschafft. Der erste und mitunter wichtigste Schritt in Richtung „Kinderwunsch“ ist gegangen. Ich bin überglücklich.

 

Nach diesem glückseligen Ereignis beginnen mein Mann und ich vermehrt über die Option einer weiteren Schwangerschaft zu sprechen. Könnten wir es wagen, uns trotz meiner Erkrankung den Traum vom zweiten Kind zu erfüllen? Ich sitze natürlich nicht untätig zu Hause , sondern informiere mich wie eine Wahnsinnige im Internet über Risiken und Möglichkeiten. Mein Mann und ich sind sehr sicherheitsverliebte Menschen (Nur wohin hat uns das bis jetzt geführt?!) und wollen daher alle Aspekte ganz genau kennen, um uns eine möglichst umfassende, eigene Meinung bilden zu können. Denn ohne Risiko geht eine Schwangerschaft nach Brustkrebs nicht einher. Desweiteren werde weder ich, noch meine Eizellen jünger. Und fünf Jahre Tamoxifen lassen sich nicht verkürzen –glauben wir zumindest zunächst.

 

Bis ich im Zuge meiner Recherche ich auf eine international angelegte Studie stoße: “POSITIVE” – eine Studie an Brustkrebspatientinnen mit Kinderwunsch, die aufgrund der zeitlichen Komponente die Einnahme von Tamoxifen für eine Schwangerschaft unterbrechen möchten.

 

Nach Angaben der Schweizer Internetseite www.europadonna.ch umschließt die Studie folgende Parameter: 20 Länder nehmen vertreten durch 150 Onkologie-Zentren teil. Darunter Italien, die Schweiz und Österreich. Wer nicht teil nimmt? Deutschland. Da wir in München wohnen soll uns dieser Umstand nicht von vornherein abhalten –der Weg nach Österreich ist nicht allzu weit. Kurzerhand vereinbaren wir einen Beratungstermin in der Uniklinik Salzburg, um uns über die Studienbedingungen genau zu informieren. Falls die Teilnahme unseren Traum vom zweiten Kind erfüllen kann, nehmen wir gerne einige Stunden im Auto in Kauf.

 

Seit 2017 gilt als medizinisch erwiesen, dass eine Schwangerschaft im Anschluss an eine fünfjährige Tamoxifeneinnahme die Prognose der Patientin nicht verschlechtert. Die POSITIVE-Studie möchte hingegen eine Unterbrechung nach einen Einnahmezeitraum zwischen eineinhalb bis zweieinhalb Jahren prüfen.

 

  Zwingend sollte allerdings im Anschluss an die Schwangerschaft die insgesamt fünfjährige Einnahmeperiode vollendet werden.

Für die Bemühungen um den Erhalt der Fruchtbarkeit im Vorfeld einer Chemotherapie gibt es eine Bezeichnung: FertiProtect.


FertiProtect ist ein Netzwerk, das es sich in Deutschland und einigen anderen Ländern zur Aufgabe gemacht hat, Fruchtbarkeit im Zuge einer bevorstehenden Behandlung (Chemotherapie, Bestrahlung) zu erhalten. Ziel ist, nach beendeter Therapie weiterhin eine Familienplanung zu ermöglichen.


Dieses Vorhaben steht zunächst unabhängig von der Frage, ob eine Schwangerschaft nach der Brustkrebserkrankung ohne Bedenken ausgetragen werden sollte. FertiProtect möchte die Möglichkeit aufrechterhalten, ein Kind nach einer Chemotherapie oder Bestrahlung auszutragen.


Denn eine Chemotherapie kann die Fruchtbarkeit einer Frau beeinflussen. Je nach Alter und körperlicher Verfassung der Patientin mehr oder weniger stark. Auch die Art der Chemotherapie spielt eine große Rolle, ob die Eierstöcke derart in Mitleidenschaft gezogen werden, dass die Frau im Anschluss nicht mehr fruchtbar ist.


Die Möglichkeit, dass meine Eierstöcke ihre Funktion nach der Chemotherapie von alleine wieder aufnehmen, bestünde laut der Ärztin des Kinderwunschzentrums zwar, sei jedoch eher gering.

 

Dezember 2016: 1 Tag vor Beginn meiner Chemotherapie


Nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit mit der Ärztin unsere Fragen besprechen und uns eingehend zu allen Möglichkeiten beraten lassen, stellt sich am Ende immer wieder auch die Frage der realisierbaren Umsetzung:


Es ist vier Tage vor Heiligabend -auch wenn sowohl den Krebs diese Tatsache ziemlich wenig beeindruckt, als auch uns hierzu völlig die Stimmung fehlt. Onkologische Praxen haben sich diesbezüglich dem Krebs angepasst und sind zwischen den Feiertagen geöffnet. Kinderwunschzentren sehen das in der Regel anders und sind zwischen den Jahren geschlossen. Meine Eierstöcke müssten jedoch mit einem hormonellen Medikament über mehrere Tage stimuliert werden, bis Eizellen herangereift sind. Dies kann nur in einem Kinderwunschzentrum erfolgen. Zudem könnte die Chemotherapie erst einige Wochen später beginnen.

Alles in Allem ergeben sich zum Ende des Gespräches für uns folgende Möglichkeiten: es gäbe ein Kinderwunschzentrum -200 km entfernt- das über die Feiertage geöffnet ist und die Stimulation und Entnahme der Eizellen durchführen könnte. Dazu müssten wir in den nächsten zwei Wochen circa vier- bis fünfmal dorthin fahren. Die Stimulation würde mithilfe von Östrogenen erfolgen. Mit dem kleinen aber wichtigen Detail, dass mein Adolf auf ebendiese Östrogene reagiert und sie ihn zum Wachsen animieren. Darüber hinaus würde für die Entnahme der Eizellen eine erneute Operation notwendig werden. Die Chemotherapie könnte erst in vier bis sechs Wochen starten.


Mein Mann und ich verlassen das Krankenhaus mit beinahe explodierenden Köpfen voller Gedanken. Unser Sohn -unser wundervoller und gesunder Sohn- wartet unterdessen (wieder einmal ohne seine Eltern) bei inzwischen beiden seinen Omis bei uns zu Hause. Er bekommt von all unseren Sorgen und Wünschen nach einem Geschwisterchen für ihn nichts mit.

Mein Mann und ich haben tief im Inneren beide eine Tendenz. Dennoch sind wir froh, dass wir auch die Meinung unserer beiden Mütter zu dem Thema abfragen können.
Mein Herz hängt so sehr an einem zweiten Kind.
Im Laufe der Zeit werde ich mir immer wieder sagen lassen müssen, dass ich bereits ein gesundes wundervolles Kind habe und mich darüber freuen solle. Ja, ich habe ein wundervolles Kind und ich liebe es unendlich und bin unbeschreiblich glücklich, dass es dieses Wesen gibt, das mich zur Mutter gemacht hat!


Dennoch! Und das ist der Punkt, der so unbeschreiblich unfair mitschwingt in der Aussage, ich solle mich doch bitte einfach über dieses eine Kind freuen: Darf ich mir denn nicht trotzdem von Herzen ein weiteres Wunder wünschen? Wenn ich mich aufgrund meiner Krebserkrankung damit zufrieden geben soll, dass ich bereits ein gesundes Kind habe; müsse man dann nicht allen Frauen dieser Erde, die ein zweites, drittes oder weiteres Kind bekommen vorwerfen, sie seinen undankbar? Ihnen würde dieses erste wundervolle Kind ja ebenfalls nicht „ausreichen“. So funktioniert das mit dem Kinderwunsch einfach nicht. Wieso sollte ich nur -oder gerade weil- ich in jungen Jahren an Krebs erkranken (musste), entgegen all dieser mehrfach-Mütter mit einem Kind zufrieden sein und mir kein zweites wünschen dürfen?

Zugegeben, es macht auch für mich einen Unterschied, gar kein Kind zu haben oder “zumindest” eines. Dennoch betrachte ich es nicht als fair, von mir zu verlangen, dass mir dieser Umstand zu reichen habe.
An diesem Nachmittag sprechen wir lange Zeit zu viert über „Für“ und „Wider“. Der unfassbar starke Wunsch, ein weiteres Kind zu bekommen auf der einen Seite. Dem gegenüber: die Kosten; das Risiko der erneuten Stimulation meines hormonabhängigen Adolfs; eine weitere Operation; die Fahrt ins Kinderwunschzentrum nach Ulm (wieder Zeit die meinem Sohn mit uns genommen würde); unser fortgeschrittenes Alter zum Zeitpunkt einer weiteren Schwangerschaft. Und nicht zuletzt die Frage, ob eine Schwangerschaft nach einer erfolgreichen Krebsbehandlung überhaupt vernünftig und möglich ist. Nicht zu vergessen: die Verschiebung der Chemotherapie um mehrere Wochen. Statt Adolf durch die Chemotherapie entgegenzuwirken und auf meine Heilung hinzuarbeiten, würde ich ihm vierzehn Tage Futter in Form von Östrogenen zuspielen.


Unter Tränen beschließen wir -beschließe vermutlich vorrangig ich- unser zweites Kind “gehen” zu lassen. Wir entscheiden uns in diesem Moment für mein Leben. Ich will den Kampf sofort beginnen und Adolf keine weitere „Wegzehrung“ verabreichen.


Für mich fühlt sich diese Entscheidung beinahe an, wie eine zweite Krebsdiagnose. Auch mein Mann tut sich nicht leicht. Vorranging weil er weiß, wie wichtig ein weiteres Kind für mich gewesen wäre. Aber allein der Wunsch kann die Risiken der notwendigen Prozedur für uns beide nicht aufwiegen.

Meine Mutter ist aufgrund unserer Entscheidung den Tränen nahe. Sie nimmt mich in den Arm und flüstert mir ins Ohr, dass sie es nicht ausgehalten hätte, hätte ich den Beginn der Chemotherapie so viele Wochen nach hinten verschoben. Auch meine Schwiegermutter begrüßt unsere Entscheidung. Wahnsinnig schwergefallen ist sie uns dennoch.

Ich versuche mich in den folgenden Tagen und Wochen mit meiner Hoffnung zu beruhigen, dass das Leben -auch im positiven Sinne- oft seine eigenen Wege geht. Wenn ein zweites Kind für uns vorgesehen wäre, könnte es immerhin auch möglich sein, dass sich meine Eierstöcke von selbst regenerieren.
Bei jungen Patientinnen kommt es durchaus häufig dazu, dass die Regelblutung nach der Chemotherapie wieder einsetzt. Unterstützend hierfür kann ich vor, beziehungsweise während der Chemotherapie ein Medikament einnehmen. Dieses „Zoladex“ versetzt die Funktion der Eierstöcke in einen Tiefschlaf, so dass diese durch die Chemotherapeutika weniger in Mitleidenschaft gezogen werden.

Eine Krebsdiagnose ist mitunter das Schlimmste, was man sich als junge Frau vorstellen kann. Ein hinzutretender sehnlicher Wunsch nach einem Kind kann diese Qual vervielfachen. Mein persönlicher Weg gegen den Krebs wird somit beinahe seit dem ersten Tag meiner Diagnose von einem Nebenkriegsschauplatz begleitet: dem Wunsch nach einem Geschwisterchen für unseren Sohn. Mein Mann wird während meiner Akutphase verständlicherweise nicht sehr empfänglich für diese Thematik sein. Dennoch wird er mir zuliebe meine Sorgen und Emotionen immer wieder mit mir thematisieren.

 


Für mich wird dieses Kapitel allerdings an dieser Stelle noch nicht beendet sein! Im Anschluss an dieses Gespräch wird mich mein Kinderwunsch nicht einen einzigen Tag mehr loslassen. Ich werde sehr viel lesen, nachdenken und eine Unmenge an Tränen vergießen. Ich werde in meiner Verzweiflung auf die außergewöhnlichsten Ideen kommen: ein Kind adoptieren? Im Inland ist das schwierig. Im Ausland auch. Wie fühlt sich ein adoptiertes Kind neben einem leiblichen Kind in der Familie? Wie fühlt sich unser leiblicher Sohn, sollten wir ein weiteres Kind adoptieren? Als (ehemalige) Krebspatientin ist es ohnehin beinahe unmöglich, ein Kind adoptieren zu dürfen. Zu groß die Gefahr, dass es schlussendlich ohne Mutter aufwachsen müsste – sehr motivierend!

Nicht einmal eine Leihmutterschaft schließe ich aus. Die ist in Deutschland verboten. Im Ausland ist sie in einigen Ländern erlaubt. Der Weg dorthin ist steinig und auch sehr teuer. Wie sollen wir diese Strapazen mit unserem Sohn stemmen können? Wird die Leihmutterschaft eventuell in den nächsten Jahren in Deutschland legalisiert? Immerhin: eine politische Partei spricht sich bereits heute hierfür aus.

Tag ein, Tag aus werde ich nach Möglichkeiten suchen, ein weiteres Kind bekommen zu können. Niemand -ich denke wirklich niemand- mit dem ich spreche kann meinen verbissenen Wunsch, irgendwie noch ein Kind zu bekommen verstehen. Mein Mann wird mit der Zeit Frieden damit schließen, dass unser Sohn ein Einzelkind bleibt. Dennoch gibt er mir bei jeder meiner (noch so verrückten) Ideen das Gefühl, mich zu unterstützen. Dennoch bin ich überzeugt, dass selbst er nicht wirklich verstehen kann, wieso mir so unendlich viel an diesem Kind liegt.

Ich werde unzählige Stunden mit meinem Psychoonkologen über das Thema sprechen. Aber alles wird sich irgendwie immer im Kreis drehen: es gibt momentan keine Möglichkeit für uns, irgendwie ein weiteres Kind zu bekommen. Denn einen Preis werde auch ich für ein weiteres Kind nicht bezahlen: mein Leben.

Unzählige Stunden werde ich darüber philosophieren, warum mir dieses hypothetische Kind so unfassbar wichtig ist. Es gibt eine Menge Familien, die “nur” ein Kind haben –aus gänzlich freien Stücken. Warum ist das für mich so gar keine Option? Ich werde zu dem Schluss kommen, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Ihre Priorität werde ich allerdings nicht eindeutig zuordnen können:


Ich halte mich für einen sehr einfühlsamen Menschen. Einem verletzlichen Kind kann diese Eigenschaft sehr viel geben. Eine einfühlsame Mutter ermöglicht dem Kind, sich verstanden zu fühlen in dieser missverständlichen und zuweilen schmerzhaften Welt. Darüber hinaus zeige ich offen meine Gefühle. Ich spreche unangenehme Themen an und bin durchaus selbstreflektiert. Ich denke, ein Kind kann von diesen Eigenschaften seiner Mutter profitieren. Gänzlich ungeachtet der vielen Qualitäten, die mein Mann als Vater mitbringt. Ich bin schlicht und ergreifend der Meinung, dass wir beide sehr gute Eltern sind. Diese durchaus positive Basis würde ich gerne einem weiteren Kind für seinen Lebensweg mitgeben dürfen. Diese Aspekte bilden weitestgehend den Kern der rationalen Seite meines Kinderwunsches.

Die emotionale Seite gestaltet sich weit weniger erwachsen:
Ich fühle mich so sehr um die Zeit betrogen, in der mein Sohn ein Baby war. Ich werde so gut wie keine Erinnerungen an seine Entwicklung in den ersten Monaten haben. Er hatte in der Konstellation, in die er (fast) hineingeboren ist nie die Pole-Position, die ihm zugestanden hätte. Wir waren nie eine kleine glückliche Familie, die langsam zusammenwächst, während ich mich sorgenfrei mit anderen Mamis treffe und mich austausche. Ich hatte keine Zeit, mein Mutter-Werden zu genießen.

Als ich später unter Tränen meinem Therapeuten von diesem Bedürfnis erzählen werde, stellt er mir die Frage, ob es meiner Meinung nach etwas gäbe, dass mehr “Mutter-Sein” verkörpert, als um das eigene Leben zu kämpfen -für sein Kind. Er hat Recht: ich hatte in meinem Leben die Aufgabe, umgehend Mutter zu sein. Vielmehr noch: das Mutter-Sein umgehend zu beweisen. Ich hätte mir gewünscht, einfach Mutter werden zu dürfen.
Mein Kind und unsere neu geschaffene kleine Familie mussten immer hinter einem anderen (in diesem Moment) wichtigerem Thema anstehen: dem Kampf um mein Leben. Welches Mutterherz würde das nicht zerreißen? Das eigene Kind immer und immer wieder zurück zu lassen, um hoffentlich in der Zukunft weiterhin für es da sein zu können?

Kurzum: Mein Mutterherz wünscht sich schlicht und ergreifend eine Art „Wiedergutmachung“: Ein weiteres Kind, mit dem es uns vergönnt ist, diese erste Zeit zu genießen. Das ist weder logisch und vielleicht noch nicht einmal fair. Erwachsen ist der Gedankengang ohnehin nicht. Dennoch ist es vermutlich jenes Gefühl, was mich tief in meinem Inneren antreibt.

Und so wird mich das Thema „Kinderwunsch“ nicht loslassen. Denn meine Devise lautet: wenn es wehtut, dann suche einen proaktiven Weg, um gegen den Schmerz anzugehen! Das hieß für mich: lesen, recherchieren, Lösungen überlegen und mit meinem Mann besprechen.


Warum so zeitnah? 

Warum warte ich nicht zunächst ein paar Jahre ab, bis meine Therapie überstanden ist und mein Körper sich erholt haben wird? 

Warum beschäftigt mich dieses Thema bereits in meiner Akutphase dermaßen intensiv? 

 

Zum einen, weil es mich ablenkt. Ablenkt von den Strapazen, die ich aktuell durchmachen muss. In der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Zum anderen, weil ich vorbereitet sein möchte. Falls es irgendeinen Weg für uns gäbe ein weiteres Kind zu bekommen, der Zeit und Vorbereitung in Anspruch nehmen würde, möchte ich die vorhandene Zeit nicht tatenlos verstreichen lassen.
Dieser verbissene Ehrgeiz wird sich für mich später als durchaus hilfreich erweisen.

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