Teilzeit

Teilzeit arbeiten

Meine intensive Suche nach dem tieferen Sinn meiner Krankheit und in zweiter Konsequenz meines Lebens, brachte mich immer und immer wieder zu der Frage, was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben. 

Die Antwort hierauf hatte ich bereits während meiner Diagnose, meiner Chemotherapie und bei allen folgenden Schritten tief in mir deutlich gespürt: es ist Zeit. 

Immer, wenn ich mich fragte, was ich noch alles machen würde, wenn ich dieses Leben bald verlassen müsste, fing ich an zu weinen.

Denn die Antwort war schlicht und ergreifend: 

  • Ich möchte meinen Sohn aufwachsen sehen. 
  • Ich möchte wissen, was für ein Mensch später aus ihm wird. 
  • Ich möchte ihn auf seinem Lebensweg begleiten- 20,30,40 Jahre lang. 

Das funktioniert nur mit Zeit

Ich kann seine Entwicklung nicht als Punkt auf eine to-do-Liste schreiben und abhaken. Somit wurde mir bald klar: das Wichtigste in meinem Leben ist mir Zeit. 

Ich möchte Zeit bekommen. Zeit mit den Menschen, die ich liebe. Zeit, die ich qualitativ verbringen kann.

Der Tumor machte mir ganz schnell klar: so sehr ich es mir auch wünsche, es bleibt unmöglich, auf irgendeine Weise Zeit zu „erhalten“. 

Was ich allerdings tun konnte ist mich zu fragen, wie ich meine Zeit, die ich bekomme (ungeachtet dessen, wieviel Zeit dies auch immer noch sein mag) verbringen und nutzen möchte.

Dass Zeit das einzige ist, was wir nicht kaufen können ist eine weitverbreitete Meinung. 

Ich interpretiere dieses Phänomen ein wenig anders: die meisten von uns verkaufen ihre Arbeitsleistung Tag ein Tag aus –bis zum Rentenbeginn- gegen Geld. Diese verkaufte Arbeitsleistung entspricht zu einem großen Anteil unserer Zeit. 

Daher rechne ich die Rechnung anders herum: wenn ich mir mehr Zeit „kaufen“ möchte, dann muss ich Zeit einsparen. Dieses Prinzip kannten schon die „Grauen Herren“ in Michael Ende’s „Momo“. 

Die Wahl, die ich somit durchaus habe ist weniger von meiner wertvollen Zeit zu verkaufen. 

Übertragen auf die reale Welt, bedeutet es ganz simpel: ich gehe weniger Stunden arbeiten! 

Im Gegenzug bekomme ich weniger Gehalt. Ich bekomme aber auch mehr Zeit: natürlich „nur“ in Bezug auf die Verwendung meiner Zeit. Aber genau diese qualitative Verwendung meiner Zeit stellt für mich den Inbegriff des Lebens dar.

Es soll Menschen geben, die ihren Job so sehr lieben, dass sie kein Interesse daran hätten, weniger Zeit dort zu verbringen. Ich gehöre nicht zu dieser Sorte Mensch. Ich habe schon immer gearbeitet, um zu leben und nicht umgekehrt. 

Mein Mann hat zum Glück dieselbe Einstellung. 

Im Laufe meiner Krankheit wurde uns Monat für Monat immer deutlicher bewusst, dass unser Leben nicht unendlich ist. 

Klingt logisch. Aber die meisten von uns leben ihr Leben quasi genauso, als sei es unendlich. 

In meinen „Gesprächen“ mit dem Tod wurde ich schnell eines Besseren belehrt. 

Auch ein junges Alter garantiert keineswegs, noch viel (Lebens-)Zeit zu haben. Keiner weiß, ob der morgige Tag auf den zu gerne Dinge verschoben werden, überhaupt noch kommt.

Lebenszeit ist ein Thema, über das ich mir im Laufe meines Lebens bereits viele Gedanken gemacht hatte. „Lebe jeden Moment, als sei es dein Letzter“ suggeriert so mancher kluger Lebensratgeber. 

Das funktioniert nach meinem Verständnis in der Realität nur bedingt: wenn ich sicher wüsste, ich hätte noch drei Monate zu leben, dann könnte ich alles aufgeben (Wohnung kündigen, Bankkonto leer räumen) und eine Riesensause machen. Mit all den Dingen, die ich schon immer tun wollte. Selbst moralisch oder rechtlich bedenkliche Aktionen wären denkbar: denn eine Strafe müsste ich in meiner kurzen Lebensdauer kaum mehr erwarten. Ich könnte durchaus jeden Moment leben, als wäre es mein Letzter. Ich müsste mich weder um diverse Pflichten, noch um unangenehme Dinge kümmern. Jeden Moment könnte ich nach vollem Belieben genießen.

Wenn ich hingegen aber Anfang Dreißig bin und trotz allem noch hoffen kann, mindestens 50 Jahre am Leben teilnehmen zu dürfen, dann kann ich ebendiese Dinge nicht „einfach tun“. Dann muss ich meine Lebenszeit sowohl mit Arbeit, Haushaltspflichten und anderen (auch) unliebsamen Dingen, wie einem Streitgespräch mit dem Partner oder den Kindern verbringen: gerade als Investition in die Zukunft. 

Die (Lebens-)Kunst besteht für mich also darin, den Mittelweg zu finden: das Leben an allen Ecken und Enden zu genießen und trotzdem den notwendigen Pflichten entsprechend nachzukommen

Hierbei ist es mir jedoch in der Tat wichtig, alle meine Tätigkeiten in vollem Bewusstsein auszuüben, anstatt gedanklich bereits mit einer anderen Tätigkeit beschäftigt zu sein. 

All diese Überlegungen führten meinen Mann und mich immer auf denselben Nenner: unsere Zeit miteinander ist das wichtigste in unserem Leben -mein Mann, mein Sohn und ich zusammen. Das ist alles, was zählt. 

Im Anschluss an diese Erkenntnis sind mein Mann und ich uns schnell einig geworden: wir wünschen uns mehr gemeinsame Zeit. Hierfür sind wir beide sehr gern bereit, mit weniger Geld auszukommen. 

In Zukunft werden wir beide nur Teilzeit arbeiten, um den überwiegenden Teil unserer Zeit mit der Familie verbringen zu können. 

Teilzeit umfasst in diesem Zusammenhang alle Arbeitszeitmodelle, die weniger als die volle Wochenarbeitszeit umfassen, also auch beispielsweise 35 Stunden pro Woche. Uns ist durchaus bewusst, dass diese Art des Luxus nicht in allen Familien funktioniert und dass viele Familien durchaus auf zwei Vollzeitgehälter angewiesen sind. 

Meiner Meinung nach ist es jedoch in jedem Fall eine Rechnung wert, alle unerlässlichen Ausgaben einem hierfür notwendigen Einkommen gegenüberzustellen. 

In genau dieser Höhe verkauft man anschließend seine Zeit an den Arbeitgeber –und nicht mehr. Wir wissen genau, in welchem Umfang wir arbeiten müssen, um den von uns selbst bestimmten Lebensstandard erhalten zu können. Diese Abwägung muss jeder für sich selbst treffen. Wir sind mit unserer Entscheidung sehr glücklich. 

Hierdurch entsteht mehr Raum und Zeit für unsere Familie. 

Das sind die Menschen, die mir am meisten bedeuten. Was gäbe mehr Sinn, als die meiste Zeit meines Lebens mit ihnen zu verbringen? 

Ein (überteuertes) Haus kaufen, für das ich einen lebenslangen Kredit aufnehme und mich somit meinem Arbeitgeber gegenüber in eine komplette Abhängigkeit stürze? Vielleicht ein teures Auto abbezahlen, das innerhalb von Sekunden der Unachtsamkeit zu einem kompletten Totalschaden werden kann? Unser (neues) Auto war z.B. gerade sechs Monate alt, als es beim Parken von einem anderen Auto gerammt wurde. Der Schaden lag 1.000 Euro unter dem Totalschaden. Vielleicht kauft man lieber tolle Möbel, Unmengen an Spielsachen für die Kinder oder jedes Jahr die neuste Technologie? 

All das ist für uns nicht mehr wichtig. 

Selbstverständlich möchten auch wir unser Heim schön einrichten. Auch wir besitzen Smartphones. Wir besitzen ebenso ein Auto. Doch bei all unseren Ausgaben fragen wir uns, wieviel diese materiellen Dinge uns (finanziell) wert sind. Unser Auto soll uns von „A“ nach „B“ bringen – wir brauchen keine Specialfeatures oder teure Statusmarken. 

Muss alles Spielzeug für unseren Sohn immer neu sein? 

Müssen wir Bücher, Musik und Filme kaufen, anstatt sie auszuleihen? Wir sind regelmäßig in unserer Bücherei zu Gast, anstatt all die Bücher und Spiele neu zu kaufen. Das kostet uns einige Euro im Jahr, mehr nicht. Unser Sohn spielt einige Zeit damit und verliert ohnehin bald das Interesse. 

Alle diese Fragen muss jeder für sich selbst beantworten. In unserem Leben hat die drohende Gefahr, dass unsere gemeinsame Zeit extrem verkürzt werden könnte uns darin bestätigt, dass wir all diesen “Luxus” nicht brauchen. Wir brauchen in erster Linie uns. 

Unser größter Luxus besteht darin, gemeinsam in den Urlaub zu fahren und gemeinsam schöne Dinge zu erleben. 

So schließt sich am Ende der Kreis: Sobald ich nicht viel konsumiere, benötige ich weniger Geld für meinen Alltag. Um unseren gewählten Lebensstil zu finanzieren, können wir in Folge dessen getrost unsere Arbeitszeit reduzieren. Am Ende können wir die (arbeits-)frei gewordene Zeit mit den für uns wirklich wichtigen Dingen und Menschen verbringen.

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