Natürlich schwanger werden?

nicht schwanger

Ich hatte damals bei meiner Diagnosestellung keine Zeit mehr, ein FertiProtect durchführen zu lassen. Dennoch wünsche ich mir ein weiteres Kind. Es ist für mich also unerlässlich, dass mein Körper es schafft, sich von der Chemotherapie und den anderen Behandlungen so gut zu erholen, dass meine Eierstöcke wieder anfangen zu arbeiten und meine Periode irgendwann wieder zurückkommt. Ansonsten könnte ich mir über das Thema Kinderwunsch keine weiteren Hoffnungen machen. 

Dezember 2017: Immer noch keine Periode nach der Chemotherapie

Als das Ende des Jahres gekommen ist, besuchen wir das Kinderwunschzentrum nicht noch einmal für eine Hormonbestimmung. Meine Monatsblutung ist immer noch nicht zurück. Gemäß meiner Ärztin müsste diese innerhalb eines Jahres nach der letzten Chemo zurückehren. Andernfalls seien meine Eierstöcke wohl so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass meine Fruchtbarkeit nicht mehr zurückkommen wird. Somit hätte ich noch vier Monate Zeit. Da ist sie wieder: eine Statistik der Schulmedizin.

Ich glaube ihr nur bedingt. Und lasse mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht verrückt machen. Mein Körper sendet mir andere Signale: ich spüre immer wieder, dass meine Eierstöcke in mir arbeiten. Ich bin überzeugt davon, dass mein Körper auf dem richtigen Weg ist. Ganz egal, in welche Statistik die Schulmedizin man mich einordnen möchte.

Frühjahr 2018: Keine Periode

Das Ende meiner Chemotherapie jährt sich zum ersten Mal. Wer nimmt an dieser Feierlichkeit leider nicht teil? Meine Monatsblutung. Für meine Onkologin bedeutet ihr Ausbleiben inzwischen ein nahezu sicheres Zeichen, dass ich unfruchtbar geworden bin. Für mich bedeutet es das noch lange nicht. Ich habe Vertrauen in meinen Körper und bin mir weiterhin sicher, dass meine Eierstöcke dabei sind, sich ins Leben zurück zu kämpfen.

Im Juni 2018 werden sie es endlich geschafft haben. Ich spüre ein Ziehen im Unterbauch. Was folgt ist meine erste Regelblutung seit über zwei Jahren. Weinend falle ich meinem Mann um den Hals und erzähle ihm von den guten Nachrichten: „1“ für mich „0“ für die Statistik der Schulmedizin. Im Folgenden werde ich meine Periode wieder auf den Tag regelmäßig bekommen. Mein Körper hat es geschafft. Der erste und mitunter wichtigste Schritt in Richtung „Kinderwunsch“ ist gegangen. Ich bin überglücklich.

Könnten wir es wagen, uns trotz meiner Erkrankung den Traum vom zweiten Kind zu erfüllen? Ich werde natürlich nicht untätig zu Hause sitzen, sondern informiere mich wie eine Wahnsinnige im Internet über Risiken und Möglichkeiten. Mein Mann und ich sind sehr sicherheitsverliebte Menschen (Nur wohin hat uns das bis jetzt geführt?!) und wollen daher alle Aspekte ganz genau kennen, um uns eine möglichst umfassende, eigene Meinung bilden zu können. Denn ohne Risiko geht eine Schwangerschaft nach Brustkrebs nicht einher. Desweiteren werde weder ich, noch meine Eizellen jünger. Und fünf Jahre Tamoxifen lassen sich nicht verkürzen –glauben wir zumindest zunächst.

Nach diesem glückseligen Ereignis beginnen mein Mann und ich vermehrt über die Option einer weiteren Schwangerschaft zu sprechen

September 2018: Beratung zur Unterbrechung von Tamoxifen

Beinahe jedes Mal, wenn ich im Rahmen meiner Nachsorge zu meiner Onkologin komme, sprechen wir über mein Thema „Kinderwunsch“. Nach unserem Besuch in Salzburg haben mein Mann und ich dennoch weiterhin wichtige Fragen, bevor wir uns für oder gegen den Versuch einer Schwangerschaft entscheiden. Nachdem durch das Wiederauftreten meiner Regelblutung der -rein theoretische -Startschuss für eine Schwangerschaft gesetzt worden war, hat meine Onkologin uns an eine Spezialistin in der Uniklinik überwiesen.

In solchen Situationen fühle ich mich beinahe gesegnet, in der Nähe von München zu wohnen: es arbeiten unfassbar viele international hoch angesehene und erfolgreiche Ärzte in München und seinen Kliniken. So auch Fachärzte im Bereich “Brustkrebs und Schwangerschaft”. Dieses Mal haben wir einen Termin im Brustzentrum. Dessen leitende Ärztin hat die Studie begleitet, welche nach einer fünfjährigen Einnahme eine Schwangerschaft nicht ausschließt.

Also sitzen wir kurze Zeit später bei einer Mitarbeiterin des Brustzentrums im Sprechzimmer. Im Gespräch bekommen mein Mann und ich schnell den Eindruck, dass sie immer und immer wieder dasselbe Mantra herunterbetet: “Ich kann ihnen nicht sagen, was sie tun sollen. Das müssen sie selber entscheiden.”

Ich fühle mich durch ihre Art ehrlich gesagt persönlich etwas angegriffen. Denn wir sitzen keineswegs hier vor ihr auf den Stühlen ihres Behandlungszimmers, um von ihr ein „OK“ zu einer Schwangerschaft zu bekommen. Vielmehr sind wir bereits sehr gut informiert und erwarten von ihr medizinische Antworten, die wir bei unserer Recherche nicht herausfinden konnten: nicht mehr und nicht weniger. Meinen Unmut über ihre Wortkargheit teile ich der Dame nach kurzer Zeit freundlich, aber bestimmt mit. Bis zu diesem Zeitpunkt machte sie mir mehrere Minuten lang den Anschein, dass sie uns lieber gleich wieder loszuwerden wolle, da sie uns ohnehin nicht unsere gewünschte Antwort “ja” oder “nein” zukommen lassen würde. 

Ihre Einstellung mag ihr nicht zu verübeln Sein. Ich kann mir vorstellen, dass sie oftmals Paare vor sich sitzen hat, die sich weder informiert haben, noch die Verantwortung für ihre Entscheidung übernehmen möchten. Sicherlich: sie kennt weder meinen Mann noch mich. Aber hätte sie uns aufmerksam zugehört, hätte sie schnell merken können, dass ich mich seit eineinhalb Jahren intensiv mit dem Thema befasse und mein Mann und ich wohl bereits jedes Szenario durchgespielt und jedes  Risiko abgewogen haben. Von einem bloßen „OK-Abholen“ kann bei uns nicht die Rede sein.

Das merkt die Dame irgendwann im Gesprächsverlauf wohl auch und taut etwas auf. Wir schaffen es, ihr klarzumachen, dass wir von ihr lediglich medizinische Aufklärung erwarten, da wir selbst keine Mediziner sind. Unsere Entscheidung werden mein Mann und ich ohnehin im stillen Kämmerlein unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen.

So erfahren wir im Laufe des Gespräches, dass Deutschland nicht an der POSTIVE Studie teilnimmt, da die Ethik-Kommission hierzulande nicht zugestimmt hat. Wie man diese Tatsache bewerten möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Die Deutschen lieben Sicherheit. Dennoch bin ich der Meinung, dass Deutschland in Bezug auf Innovation und Weiterentwicklung im internationalen Vergleich immer weiter zurückfällt. Aufgrund dieser persönlichen Einschätzung lassen wir uns nicht zu sehr von der „Nicht-Teilnahme“ der Deutschen zurückschrecken.

Eine weitere wichtige Erkenntnis nehmen wir aus dem Gespräch mit

Wir hatten angenommen, dass Tamoxifen eventuell vorhandene Krebszellen im Körper am Andocken hindert und diese dadurch langsamer wachsen könnten. Mit anderen Worten: wenn es versteckte Zellen gäbe, dann verlangsame die Einnahme von Tamoxifen die Bildung von Metastasen. Diese Annahme ist falsch! Die Antihormontherapie ist zu mehr in der Lage: sie kann herumschwimmende Krebszellen abtöten, so dass eine Metastasenbildung verhindert werden kann. Diese für uns neue Erkenntnis wird Auswirkungen auf unsere Entscheidung zur Unterbrechung meiner Antihormontherapie haben.

Zudem erfahren wir, dass eine Antihormontherapie das Rückfallrisiko um 5 Prozent reduziert. Diese Zahl sei beinahe doppelt so hoch, wie durch eine Chemotherapie erreicht werden kann. Darüber hinaus bestätigt die Dame die zentrale Studienaussage. Sie stellt deutlich klar: wenn ich fünf Jahre Tamoxifen genommen haben werde, könne sie mir mit absolut ruhigem Gewissen zu einer Schwangerschaft raten.

Wenn wir hingegen der Meinung seien, die Einnahme für eine Schwangerschaft unterbrechen zu wollen, dann sollten wir dies frühestens nach drei Jahren Tamoxifen in Erwägung ziehen. Sie betont vehement, dass sie uns für diesen Fall absolut keine medizinische Einschätzung geben könne, ob eine Schwangerschaft bedenkenlos sei. Sie habe bereits zahlreiche Frauen begleitet, bei denen eine Schwangerschaft während der Unterbrechung problemlos und ohne Folgen blieb. Dennoch kenne sie auch Fälle, in denen das Ende dieses Wagnisses katastrophal ausging -will heißen: es gab auch Frauen, die für ihren Kinderwunsch sterben mussten.

Eine zentrale Frage hingegen bleibt für uns unbeantwortet: warum gilt im Anschluss an eine fünfjährige Einnahme eine Schwangerschaft als medizinisch unbedenklich -nach dreijähriger Einnahme hingegen könnte ich durch eine Schwangerschaft medizinisch mein Leben riskieren? Das macht für uns keinen wirklichen Sinn. Das Rezidivrisiko kann schließlich nicht vom einen auf den anderen Tag verschwinden? Nach welchem Einnahmezeitraum genau wird eine Schwangerschaft zumindest unbedenklich?

Mein Therapeut wird mir später die simple und zeitgleich ernüchternde Antwort auf diese Frage geben: weil die Medizin einen Zeitraum von fünf Jahren erforscht hat. Mit anderen Worten: wenn die Unbedenklichkeit der Schwangerschaft nach einer Einnahmedauer von drei Jahren untersucht worden wären, könnte heute eine Schwangerschaft medizinisch bereits nach drei Jahren als unbedenklich gelten. Da die Studie allerdings auf Basis einer Einnahmeperiode von fünf Jahren stattfand, können die Ärzte eine Schwangerschaftsempfehlung erst nach diesem Zeitraum aussprechen.

Diese Ungereimtheit wird mir noch lange im Kopf herumschwirren. In dieser Fragestellung liegt für mich das Schlüsselmoment: wie viele Jahre Tamoxifen reichen aus? Wie viele Jahre sind zu kurz? Könnte ich durch den Verzicht auf eine Schwangerschaft einen erneuten Ausbruch der Krankheit verhindern? Oder lediglich hinauszögern? Eine wie große Rolle spielt die Tatsache, dass mein Tumor östr? Welchen Einfluss hat meine Mastektomie auf mein persönliches Rezidivrisiko im Fall einer Schwangerschaft?

Nach dem Gespräch rauchen ein weiteres mal unsere Köpfe. Mein Mann und ich sprechen, grübeln, wägen ab, hinterfragen und diskutieren. 

Irgendwann finden wir zu unserem vorläufigen Fazit aus allen Informationen:

Wir streben an (Pläne machen wir nicht mehr!), Tamoxifen drei komplette Jahre einzunehmen. Im Anschluss werde ich pausieren und nach mindestens dreimonatiger Ausspühlphase versuchen, erneut schwanger zu werden. Stillen werde ich aufgrund meiner Mastektomie ohnehin nicht können. Daher werde ich direkt im Anschluss an die Schwangerschaft meine Antihormontherapie über den gesamten Zeitraum von fünf Jahren zu Ende bringen. Falls meine Ärzte es zu diesem Zeitpunkt für sinnvoll erachten werden, bin ich darüber hinaus bereit, die Tamoxifen-Therapie auf insgesamt zehn Jahre zu verlängern. In diesem Szenario werde ich -im besten Fall- bei einer zweiten Schwangerschaft 37 Jahre alt sein. Die beiden Kinder hätten einen Altersunterschied um die viereinhalb Jahre.

Bis es soweit ist, gilt für uns: aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Unser zweites Kind ist endlich eine reelle Hoffnung geworden. Ich bin froh und auch stolz, dass mich diese Thematik so sehr beschäftigt hat, dass ich bereit war, mich so viele Stunden über alle Aspekte genauestens zu informieren und sie zu hinterfragen.

Um mir den Zeitraum, bis wir eine Schwangerschaft versuchen können, psychischen Halt zu verschaffen, setze ich in meinem Smartphone einen Countdown: “Drei Jahre Tamoxifen”.

Das allererste Mal -nach nunmehr zwei Jahren- schaffe ich es, meinen Frieden mit meinem Kinderwunsch zu finden. Meine Freundinnen bekommen reihenweise ihre zweiten Kinder. Ab sofort werde ich jedes Mal, wenn ich von einer Schwangerschaft erfahren werde, in meinen Handycountdown sehen. Er hat mir meine Zuversicht zurückgegeben. Der Stich, den der Anblick einer schwangeren Frau mir jedes Mal ins Herz versetzt, wird durch meinen kleinen aber wichtigen Countdown endlich etwas weniger schmerzhaft.

Winter2018: Im Anschluss an eine Schwangerschaft sollte der 5-Jahres-Einnahmezeitraum unbedingt vollendet werden

Ich bin zum Kontrolltermin bei meiner Onkologin. Sie weiß seit unserer ersten Begegnung, wie wichtig es mir ist/wäre, ein zweites Kind bekommen zu dürfen. Bei meinem heutigen Termin habe ich nicht vor, das Thema anzusprechen -vermutlich das erste Mal, seit ich zur Nachsorge bei ihr bin. Wie der Zufall so möchte, kommt hingegen sie auf das Thema zu sprechen. Nachdem sie sich in der Vergangenheit immer eher bedeckt zu meinem Wunsch nach einer weiteren Schwangerschaft geäußert hatte, wartet sie heute mit einem ganz anderen Tenor auf: sie berichtet von einem kürzlich besuchten Kongress zur Thematik „Kinderwunsch nach Brustkrebs“. In Bezug auf meine Situation fasst sie die Ergebnisse positiv zusammen: eine Schwangerschaft im Anschluss an die Erkrankung verschlechtert die Prognose per se nicht. So weit, so gut -diese Aussage ist mir durchaus bekannt.

Dennoch macht sie mir heute auch Mut, eine Unterbrechung von Tamoxifen für eine Schwangerschaft zu wagen: ich solle zunächst eine zwei- bis dreijährige Einnahme von Tamoxifen abschließen. Daraufhin könnten wir gemeinsam eine Schwangerschaft anstreben. 

Im Anschluss an diese –und das sei der absolut wichtigste Punkt!– solle ich unbedingt die fünfjährige Therapie zu Ende führen.

Mein Mann und ich sind ihr nach all unseren Überlegungen und Gesprächen zum Thema Kinderwunsch in diesem Punkt einen Schritt voraus: ich bin nicht nur bereit, eine Gesamtperiode von fünf Jahren Tamoxifen abzuschließen. Da ich persönlich Tamoxifen durchaus gut vertrage, wäre ich sogar bereit, im Anschluss an eine Schwangerschaft das Medikament weitere fünf Jahre -wenn sinnvoll sogar länger- einzunehmen. Neuste Studien deuten darauf hin, dass eine zehnjährige Einnahmedauer sich auf die Prognose der Patientinnen durchaus positiv auswirken kann. 

Einen wichtigen Punkt zum Thema Kinderwunsch möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht vernachlässigen:

Ich bin BRCA 2 -Gen. Trägerin. 

Das bedeutet, dass meine Kinder mit einer 50 prozentigen Wahrscheinlichkeit ebenfalls dieses Gen vererbt bekommen. 

Ist somit unser Kinderwunsch moralisch bedenklich? Diese Frage haben wir uns mehr als einmal gestellt. In der Tat habe ich sogar abgewogen, ob wir meine Eizellen durch die sogenannte Präimplantationsdiagnostik auf das Gen überprüfen lassen sollten. Diese Methode funktioniert jedoch nur bei vorausgehender Hormonstimulation, da mehrere Eizellen geprüft und nur gesunde eingepflanzt werden. Eine Stimulation kommt für mich hingegen nicht mehr in Frage. So bleibt die Frage: dürfen wir das Risiko eingehen? Unsere Antwort ist ein weiteres Mal philosophischer Natur: ja, wir können das Risiko eingehen! Denn hätten meine Oma und mein Opa so gedacht, wäre meine Mutter nie geboren. Hätten meine Eltern so gedacht, wäre ich nie geboren.

Zudem bleibt an dieser Stelle zu erwähnen, dass das Risiko zur Brustkrebsveranlagung bei 25 Prozent je Kind liegt: 50/50 ob es ein Mädchen, oder ein Junge wird. Bei Jungs hat das Gen kaum Auswirkungen. Ist es ein Mädchen besteht ein weiteres Mal eine 50/50 Chance, dass es gesund ist.

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