Nachsorgetermin Onkologie

Nachsorge Onkologie

Als mich der Oberguru der Kinderwunschklinik um einige besondere Blutwerte bat, rief ich meine Onkologin an, um die Werte von ihr zu bekommen.


Sie würde es bevorzugen, dass ich in die KiWuKlinik gehe. Gesagt getan. Was sie sich allerdings nicht nehmen lies, war -angesichts meiner Schwangerschaft- mich vorzeitig zu einer Nachsorge einzubestellen. Ihr Wunsch, mein Befehl: der Nachsorgetermin wurde einen Monat vorgezogen und heute steht er auf dem Terminplan. Momentan scheint meine liebste Beschäftigung an einem Dienstag ohnehin der Besuch eines Wartezimmers und einer anschließenden medizinischen Fachkraft zu sein. Was tut man nicht alles als brave Schwangere, die auch ihrem ungebetenen Tumor in der Gegenwart weiterhin den notwendigen Respekt zukommen lässt.


Also mal wieder ein Arzt-Dienstag.


In der Onkologie muss ich 2020 sehr viel warten – Termin hin oder her. Das war früher anders: vC, also vor Corona. Denn durch den Lockdown im Frühjahr sind eine Menge Patient*innen nicht zum Arzt gegangen. Zum einen die Nachsorgepatient*innen, bei denen diese Verzögerung durchaus vertretbar sein kann und zu denen auch ich mich zähle. Aber eben leider auch viele Menschen, die durch Corona ihre Krebsdiagnose “verschleppt” haben. Somit quillen die onkologischen Praxen jetzt – “nach” Corona – über und es kommt zu langen Wartezeiten.


Auch wenn es angenehmere Orte zum Zeit vertreiben gibt, aber das moderne Smartphone macht es möglich, dass auch die Zeit im Wartezimmer (mehr oder weniger) effizient genutzt werden kann.


Nach einiger Zeit bin ich also dran. Ich bin heute das erste Mal hier, seit ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Meine Onkologin hat mich schon im Vorfeld spüren lassen, dass sie von einer Schwangerschaft “not amused” wäre oder ist. Das hat sie zwar nie ausgesprochen, aber ich habe immer gespürt, dass sie bis zum letzten Tag gehofft hat, dass ich mich umentscheide. Leider nein – für sie, nicht für mich! Sie macht ja auch nur ihren Job. Und der besteht eben nicht darin, sich über süße Kindchenschema zu erfreuen und die neusten Namenstrends durchzudiskutieren, sondern darin Leben zu retten! Sie möchte den Krebs besiegen und den Menschen eine zweite Chance verschaffen. Und aus dieser Perspektive gehöre ich wohl eher zu der Art ihrer Patientinnen, die sie gerne schütteln würde und sagen: “Komm auf meine Seite und bekämpfe den Krebs mit allen Mittel – koste es, was es wolle!”


Ich hingegen bin ein Mensch, eine Frau und dazu noch eine ziemlich emotionale. Und eben eine, die schon mit 4 Jahren mit Puppen gespielt hat, einen Namen für ihren Erstgeborenen parat hatte (der sich innerhalb von 30 Jahren dann allerdings doch verändert hat) und die schon am Tag ihrer eigenen Geburt wusste, dass sie UNBEDINGT Mutter werden möchte, weil sie Kinder so sehr liebt. Diese Person bin also ich. Und genau dieser Person ist es passiert, dass sie Krebs bekommen hat und vernünftiger Weise in dieser Lage keine weiteren Kinder kriegen sollte.


Was ich damit sagen möchte: meine Onkologin und ich stehen in diesem Thema auf den beiden entgegengesetztesten Seiten, auf denen man wohl stehen kann. Emotion gegen Vernunft. Gefühl gegen Medizin. Ein Herzenswunsch gegen Statistiken.


Da mir all diese Gegensätze durchaus bewusst sind, habe ich nicht erwartet, laut jubelnd und beglückwünscht von ihr begrüßt zu werden.


Dennoch fühlt sich der heutige Termin schon eher niederschmetternd an: Kurz nach der obligatorischen Frage, nach meinem Wohlbefinden, prescht sie auch schon mit dem weiteren Plan für nach der Geburt los (also in ca. 6 Monaten): Ich solle Tamoxifen so schnell wie möglich wieder nehmen – Selbstverständlich werde ich es sobald wie möglich wieder nehmen, aber das Wochenbett hätte ich meinem Körper schon noch gegönnt- Naja, vielleicht nicht direkt am Tag nach der Geburt, aber dann schon sehr bald.

Ich empfinde diese Einstellung und das Vorgehen dann doch etwas zu radikal und fühle mich zum ersten Mal von ihr nicht sonderlich einfühlsam betreut. Aber sie hat noch den nächsten Hammer für mich auf Lager: Wir sollten auch darüber nachdenken, die Eierstöcke eventuell sogar direkt mit der Geburt (falls es ein Kaiserschnitt wird) mit zu entfernen. Auch das erscheint mir doch etwas zu radikal: Eierstöcke entfernen: ja, muss ich irgendwann! Über den Zeitpunkt nachdenken: Ja, auch das. Nicht mehr 10 Jahre warten damit: Schon klar. Aber SOFORT nach der Geburt?! Ich bin immer noch ein menschliches Wesen und die Hormone von “Schwanger”, also explosiv hoch auf “Wechseljahre”, also praktisch nicht mehr existent zu drücken innerhalb von, naja, einem Tag, das entbehrt sich mir jeglicher Rechtfertigung. Und über Eierstöcke entfernen sprachen wir immer mit der Grenze 40 und nicht plötzlich 37.


Im Verlauf des Gespräches erscheint wohl auch ihr dieses Vorgehen ein wenig zu extrem. Dennoch solle ich für 2021 einplanen, die Eierstöcke zu entfernen.


Ich halte wahnsinnig viel von meiner Onkologin, sie ist in ihrem Gebiet hervorragend ausgebildet und sie hat mein Leben gerettet. Aber in diesem Punkt vertrete ich dennoch meine ganz eigene Meinung und die heißt momentan: endlich mein ersehntes Babygirl bekommen und dann das Mama-sein GENIEßEN, ohne dass der Krebs wieder ständig meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.


Dennoch frustriert mich der heutige Besuch schon ziemlich.

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