Die zweite Insemination

insemination

Nach der Insemination ist vor der Insemination! 


Also geht es heiter weiter….naja…


Vom 11.05.2020 bis 16.05.2020 nehme ich also wieder Letrozol 3 mal täglich. Das vertrage ich soweit ganz gut, allerdings habe ich schon ein starkes Spannungsgefühl im Unterleib. Es ist nicht wirklich schlimm, aber wohlfühlen sieht schon anders aus.
Dennoch bin ich froh, sobald es vorbei ist.


Dieses Mal ist der erste Kontrolltermin etwas später angesetzt.


19.05.2020: Zyklustag 11
Die Kontrolle ergibt, dass auf der linken Seite nicht nur ein Follikel, sondern gleich zwei in den Startlöchern stehen. Der eine 14mm der ander 15mm. Das erste, was mir dazu in den Sinn kommt, frage ich auch umgehend die Ärztin: “Ist es möglich, dass es dann Zwillinge werden?” Ganz klar: Ja. Wenn zwei Eier relativ groß sind, dann werden auch beide Eier weiterwachsen und somit besteht ein höheres “Risiko” für zweieiige Zwillinge.


Schluck…ok. 

Zumindest war das deutlich. Die Ärztin spricht von der möglichkeit, dass man die Stimulation wieder etwas runterregeln kann, um auf ein Ei zu reduzieren. Das kommt für mich alles nicht in Frage. Zum einen werde ich nicht noch mehr künstliche Eingriffe in meinen Körper vornehmen, als es die Medikamente ohnehin tun und zum anderen wünsche ich mir so sehr ein weiteres Kind, das ZWEI ganz bestimmt kein Hinterungsgrund sind – eher eine Herausforderung!


Also weiter, wie geplant. Nur mit meinem Mann möchte ich das kurz nochmal abklören, damit er nicht im Fall der Fälle in Ohnmacht fällt. Wir sind uns einig: der Plan ist natürlich nur eins, aber alles was wir geschenkt bekommen, würden wir glückseelig annehmen und unendlich lieben.

Also weiter im Text…


20.05.2020: Zyklustag 12
Der Eisprung ist diesen Monat deutlich früher, als letztes Mal. Somit löse ich bereits heute mit der Brevactid-Spritze den Eisprung aus. Allerdings erst spät abends. Die zweite Insemination ist wieder auf Freitag angesetzt.


21.05.2020: Zyklustag 13
Ich ruhe mich aus und versuche mir so wenig Stress wie möglich zu machen. Allerdings denke ich viel über die Thematik der “Zwillinge” nach. Dennoch vertraue ich der Natur, sie wird es schon richtig machen!
Um mich mental etwas herunterzufahren, habe ich in den letzten Tagen vermehrt meditiert. Denn auch der nicht ganz präsente Stress, den man sich selber macht, kann eine Befruchtung verhindern. Also versuche ich alles mögliche, um möglichst enstpannt zu bleiben.
Dennoch bin ich natürlich wieder sehr aufgeregt.


Freitag, 22. Mai 2020: Zyklustag 14 (wie im Biologiebuch)
Heute steht die zweite Insemination an. Besser vorbereitet kann ich gar nicht sein: Wenn es eine Prüfung wäre, würde ich mit dem Gefühl einer sicheren 1 hineingehen. Ganz so leicht lässt sich die Natur leider nicht bezwingen. Also auf zum Kinderwunschzentrum. Mein Mann ist um 8.30 Uhr dran – also mal wieder für unsere neuen Verhältnisse früh aufstehen. Nach einem schnellen Kaffee fährt er los. Angekommen trifft er erstmal auf fünf weitere Mitstreiter. 

Alles nicht sonderlich romantisch, aber egal – heute geht es um Pragmatismus.


Somit hat dann mein Mann auch seinen Job erledigt.


Eine Stunde später beginnt mein Part. Vielmehr: mein Part sollte beginnen. Nach der erneut komplizierten Parkplatzsuche, komme ich so einigermaßen pünktlich an; zumindest am Haus des Kinderwunschzentrums. Denn von der Anmeldung trennen mich nicht nur etwas 20 Wunsch-Mütter, sondern heute auch noch ein ganzes Stockwerk. Corona macht’s möglich: Wir stehen uns allesamt brav mit Mundschutz eine Stunde lang die Beine in den Bauch, bis wir uns endlich im Olymp der Kinderwünscherfüllungsmaschinerie anmelden dürfen. Mein Termin hilft mir hierbei äußerst wenig. Der lange Weg zum Wunschkind bekommt eine ganz neue Bedeutung.


Nach und nach habe ich mich also mit den anderen Damen nach oben durchgewartet. Dann geht es tatsächlich recht schnell. Kurzer Datenabgleich und der Kasten mit dem heiligen Sekret und ich finden unseren Weg Richtung Arztzimmer. Same procedure as for weeks ago, selber Raum, selbe Ärztin, hoffentlich anderes Ergebnis.


Die Insemination an sich geht ganz schnell: kurzer Ultraschall auf meinen Wunsch hin – die Geschichte mit den zwei Eizellen bleibt in meinem Kopf präsent. Doch nicht nur da, auch in meinem Eierstock sehen die beiden 20mm Eizellen ziemlich startklar und groß aus. Also Katheter rein, Desinfektionslösung durchgespült und schon sind die kleinen Schwimmer dran. Fertig, danke, das wars, auf Wiedersehen. Wer eine romantische Geschichte für die Zeugung seines Kindes sucht, geht besser nie ins Kinderwunschzentrum.


Ab jetzt heißt es wieder Daumen drücken. Aber auch meinem Uterus ist der kurze Besuch nicht entgangen. Den restlichen Tag fühlt sich mein Bauch an, als hätte ich einen Basketball verschluckt und später kommen die gefühlten Nadelstiche dazu. Ich interpretiere das einfach als Zeichen von Bewegung. Wenn es zwickt und zwackt, dann arbeitet irgendetwas in mir. Hoffen wir mal, dass ich die richtige Arbeit ist. Oder die Entstehung von Zwillingen fühlt sich eben so an.


23.05.2020: Zyklustag 15
Dieses Mal muss ich im Nachgang keine weitere HCG Spritze spritzen, sondern bekomme Progesteron Tabletten, die 2 mal täglich vaginal eingeführt werden. Lutinus heißen sie und ich soll sie die kommenden 12 Tage täglich verwenden.


Die Tabletten sind an sich nicht schlimm, aber in der Verwendung sehr unangenehm. Nach dem Einführen lösen sie sich (logischerweise) auf. Allerdings werden sie dabei eben so krümelig, wie normale Tabletten, die man zu lange im Mund behält.


Diese krümmelige Paste bleibt im Anschluss leider nicht wirklich da, wo sie sein soll und krümmelt irgendwie halb wieder raus. Das ist in keinster Weise schmerzhaft, aber dafür umso nerviger und auch unangenehm.

Jetzt kommt wieder die Wartephase. Ich spüre immer mal wieder ein Zwicken und Zwacken im Bauch, aber nichts was ich wirklich interpretieren könnte. Ich träume fast jede Nacht vom Thema Schwangerschaft. Meist sind es- wie in den vergangenen Jahren in der Realität- meine Freundinnen, die schwanger sind.


Am Zyklustag 23 mache ich einen großen Fehler. 

Da bei Junior der Schwangerschaftstest bereits 2 Tage vor dem Ausbleiben der Periode gaaaaaanz leicht positiv war, wurde ich heute auch wahnsinnig ungeduldig. Da ich leider zu viele (billige) Schwangerschaftstests zuhause rumliegen habe, konnte ich nicht widerstehen.


Gesagt, getan… bereut! 


Ich habe den Test gemacht und eine gaaaaaaz leichte zweite Linie gesehen. Bin schon völlig aus dem Häuschen geraten und hatte den restlichen Tag ein super Gefühl. Ich habe allerdings noch nichts erzählt, weil ich ja wusste, dass es “zu früh” ist – nur so für mich als Tendenz, habe ich gedacht…


Leider hat es fast den gesamten Tag gedauert, dass ich kapiert habe, dass meine Eisprungspritze noch nicht so lange her ist, dass das HCG komplett abgebaut wurde!


Rumms!!! Die bittere Pille der Enttäuschung! 


Außerdem schäme ich mich ziemlich dafür, so dämlich zu sein! Das ist DER FEHLER, weshalb man nicht zu früh testen darf!!! Als ob ich es nicht besser wüsste…


Nach diesem Reinfall hüte ich mich, nochmal zu früh zu testen.


04.06.2020: Zyklustag 27 (ES+13)
Der Test ist (wieder) blütenweiß. Ich warte noch auf den Temperaturabfall und dann auf meine Periode. Das wirklich schlimme ist, das ich mir trotzdem mal wieder hier und da weitere Hoffnung mache, dass es ja auch zu früh gewesen sein kann… dass nicht alles nach Schema F läuft… und das Schlimmste… GOOGLE! Google hat natürlich unzählige Beispiele dafür, dass der Test negativ war und die Frau dann trotzdem schwanger. Ganz klar: wieso sollte nicht ICH eine von denen sein. Ach ja, “Die Hoffnung stirbt zuletzt” kann auch wirklich eine Qual sein.


06.06.2020
Die Enttäuschung ist groß: Worauf ich viele Monate sehnsüchtig gewartet habe, ist inzwischen der erklärte Feind: Meine Periode! Armes Ding, erst lang ersehnt, dann tief verachtet.


Sie lässt sich zumindest nicht von meinen innerlichen Abwehrreden beeindrucken. Sie ist die Natur, und die Natur ist immer der Chef: sie kommt. Mal wieder- mit wenig trara, aber als eindeutiges Zeichen: keine Schwangerschaft.


Ich bin am Boden zerstört. Mein Mann muss wieder als moralische Stütze einspringen. Ich weine, ich zweifel- an allem: meinem Körper, meinem Gefühl für meinen Körper, am Universum- ob es einen ganz anderen Plan hat als ich, selbst an meiner Gut-Menschlichkeit zweifle ich: vielleicht ist es eine Art Bestrafung… So komme ich aus meinem Selbstmitleid gefühlt gar nicht mehr raus. Nur mein Fels kann also noch etwas ändern: unermüdlich hört er sich mein Geheule an und widerlegt jede meiner absurden Theorien mit Hoffnung und dem Apell an meine Geduld. Da kennt er mich über 10 Jahre und glaubt tatsächlich noch, dass ich so etwas wie Geduld in mir trage… ich sage es ja, unermüdlich dieser Mann!


Am Ende meiner kleinen Selbstmitleidsparty beschließe ich wie immer: so geht es nicht weiter. Ich brauche einen Plan B. Also her mit dem Handy und die Finger wund googlen: Und schon habe ich etwas gefunden, dass als nächstes herhalten muss: 

Radikale Akzeptanz. 

Das klingt ja einfach: Man muss schließlich nur die Realität akzeptieren und nicht gegen Tatsachen ankämpfen. Naja, leicht gesagt, schwer getan. In meinem Fall bedeutet es ganz klar: ich muss es aussprechen, laut aussprechen, für mich real werden lassen: „ Ich bin nicht schwanger und vielleicht werde ich es auch niemals werden!“ Autsch, das auszusprechen ist ein Faustschlag. Was so selbstverständlich für Außenstehende klingen mag, ist für mich ein Weltuntergang. Den ersten Teil kann ich mir ja noch eingehen lassen, aber ernsthaft: vielleicht niemals?! Geheule folgt, was sonst. 


Dennoch gebe ich mir die volle Dröhnung. Immer und immer wieder spreche ich diesen simplen und so folgenschweren Satz laut aus. Nach dem gefühlt hundertsten Mal ist er auch irgendwann in meinem Kopf angekommen. Das Bemerkenswerte allerdings daran ist: ich spüre Erleichterung. Wie jetzt, Erleichterung?! Habe ich den Inhalt doch nicht kapiert? Doch, aber eben genau hierin liegt der Zauber der Radikalen Akzeptanz: Der Widerstand gegen die Realität darf sich auflösen. Und das befreit ungemein. Mehr, als ich es mir hätte vorstellen können. So überstehe ich also auch diesen frustrierenden Tag und finde einen kleinen neune Schimmer Hoffnung.


Es hilft alles nichts, nach der Insemination ist…. naja, weiter geht’s halt!

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