Gespräch Kinderwunschzentrum

September 2018: Termin Kinderwunschzentrum München bezüglich Unterbrechung

Beinahe jedes Mal, wenn ich im Rahmen meiner Nachsorge zu meiner Onkologin komme, sprechen wir über mein Thema „Kinderwunsch“. Nach unserem Besuch in Salzburg haben mein Mann und ich dennoch weiterhin wichtige Fragen, bevor wir uns für oder gegen den Versuch einer Schwangerschaft entscheiden. Nachdem durch das Wiederauftreten meiner Regelblutung der -rein theoretische -Startschuss für eine Schwangerschaft gesetzt worden war, hat meine Onkologin uns an eine Spezialistin in der Uniklinik überwiesen.

In solchen Situationen fühle ich mich beinahe gesegnet, in der Nähe von München zu wohnen: es arbeiten unfassbar viele international hoch angesehene und erfolgreiche Ärzte in München und seinen Kliniken. So auch Fachärzte im Bereich “Brustkrebs und Schwangerschaft”. Dieses Mal haben wir einen Termin im Brustzentrum. Dessen leitende Ärztin hat die Studie begleitet, welche nach einer fünfjährigen Einnahme eine Schwangerschaft nicht ausschließt.

Also sitzen wir kurze Zeit später bei einer Mitarbeiterin des Brustzentrums im Sprechzimmer. Im Gespräch bekommen mein Mann und ich schnell den Eindruck, dass sie immer und immer wieder dasselbe Mantra herunterbetet: “Ich kann ihnen nicht sagen, was sie tun sollen. Das müssen sie selber entscheiden.”

Ich fühle mich durch ihre Art ehrlich gesagt persönlich etwas angegriffen. Denn wir sitzen keineswegs hier vor ihr auf den Stühlen ihres Behandlungszimmers, um von ihr ein „OK“ zu einer Schwangerschaft zu bekommen. Vielmehr sind wir bereits sehr gut informiert und erwarten von ihr medizinische Antworten, die wir bei unserer Recherche nicht herausfinden konnten: nicht mehr und nicht weniger. Meinen Unmut über ihre Wortkargheit teile ich der Dame nach kurzer Zeit freundlich, aber bestimmt mit. Bis zu diesem Zeitpunkt machte sie mir mehrere Minuten lang den Anschein, dass sie uns lieber gleich wieder loszuwerden wolle, da sie uns ohnehin nicht unsere gewünschte Antwort “ja” oder “nein” zukommen lassen würde.

Ihre Einstellung mag ihr nicht zu verübeln Sein. Ich kann mir vorstellen, dass sie oftmals Paare vor sich sitzen hat, die sich weder informiert haben, noch die Verantwortung für ihre Entscheidung übernehmen möchten. Sicherlich: sie kennt weder meinen Mann noch mich. Aber hätte sie uns aufmerksam zugehört, hätte sie schnell merken können, dass ich mich seit eineinhalb Jahren intensiv mit dem Thema befasse und mein Mann und ich wohl bereits jedes Szenario durchgespielt und jedes Risiko abgewogen haben. Von einem bloßen „OK-Abholen“ kann bei uns nicht die Rede sein.

Das merkt die Dame irgendwann im Gesprächsverlauf wohl auch und taut etwas auf. Wir schaffen es, ihr klarzumachen, dass wir von ihr lediglich medizinische Aufklärung erwarten, da wir selbst keine Mediziner sind. Unsere Entscheidung werden mein Mann und ich ohnehin im stillen Kämmerlein unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen.

So erfahren wir im Laufe des Gespräches, dass Deutschland nicht an der POSTIVE Studie teilnimmt, da die Ethik-Kommission hierzulande nicht zugestimmt hat. Wie man diese Tatsache bewerten möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Die Deutschen lieben Sicherheit. Dennoch bin ich der Meinung, dass Deutschland in Bezug auf Innovation und Weiterentwicklung im internationalen Vergleich immer weiter zurückfällt. Aufgrund dieser persönlichen Einschätzung lassen wir uns nicht zu sehr von der „Nicht-Teilnahme“ der Deutschen zurückschrecken.

Eine weitere wichtige Erkenntnis nehmen wir aus dem Gespräch mit:
wir hatten angenommen, dass Tamoxifen eventuell vorhandene Krebszellen im Körper am Andocken hindert und diese dadurch langsamer wachsen könnten. Mit anderen Worten: wenn es versteckte Zellen gäbe, dann verlangsame die Einnahme von Tamoxifen die Bildung von Metastasen. Diese Annahme ist falsch! Die Antihormontherapie ist zu mehr in der Lage: sie kann herumschwimmende Krebszellen abtöten, so dass eine Metastasenbildung verhindert werden kann. Diese für uns neue Erkenntnis wird Auswirkungen auf unsere Entscheidung zur Unterbrechung meiner Antihormontherapie haben.

Zudem erfahren wir, dass eine Antihormontherapie das Rückfallrisiko um 5 Prozent reduziert. Diese Zahl sei beinahe doppelt so hoch, wie durch eine Chemotherapie erreicht werden kann. Darüber hinaus bestätigt die Dame die zentrale Studienaussage. Sie stellt deutlich klar: wenn ich fünf Jahre Tamoxifen genommen haben werde, könne sie mir mit absolut ruhigem Gewissen zu einer Schwangerschaft raten.

Wenn wir hingegen der Meinung seien, die Einnahme für eine Schwangerschaft unterbrechen zu wollen, dann sollten wir dies frühestens nach drei Jahren Tamoxifen in Erwägung ziehen. Sie betont vehement, dass sie uns für diesen Fall absolut keine medizinische Einschätzung geben könne, ob eine Schwangerschaft bedenkenlos sei. Sie habe bereits zahlreiche Frauen begleitet, bei denen eine Schwangerschaft während der Unterbrechung problemlos und ohne Folgen blieb. Dennoch kenne sie auch Fälle, in denen das Ende dieses Wagnisses katastrophal ausging -will heißen: es gab auch Frauen, die für ihren Kinderwunsch sterben mussten.

Eine zentrale Frage hingegen bleibt für uns unbeantwortet: warum gilt im Anschluss an eine fünfjährige Einnahme eine Schwangerschaft als medizinisch unbedenklich -nach dreijähriger Einnahme hingegen könnte ich durch eine Schwangerschaft medizinisch mein Leben riskieren? Das macht für uns keinen wirklichen Sinn. Das Rezidivrisiko kann schließlich nicht vom einen auf den anderen Tag verschwinden? Nach welchem Einnahmezeitraum genau wird eine Schwangerschaft zumindest unbedenklich?
Mein Therapeut wird mir später die simple und zeitgleich ernüchternde Antwort auf diese Frage geben: weil die Medizin einen Zeitraum von fünf Jahren erforscht hat. Mit anderen Worten: wenn die Unbedenklichkeit der Schwangerschaft nach einer Einnahmedauer von drei Jahren untersucht worden wären, könnte heute eine Schwangerschaft medizinisch bereits nach drei Jahren als unbedenklich gelten. Da die Studie allerdings auf Basis einer Einnahmeperiode von fünf Jahren stattfand, können die
Ärzte eine Schwangerschaftsempfehlung erst nach diesem Zeitraum aussprechen.

Diese Ungereimtheit wird mir noch lange im Kopf herumschwirren. In dieser Fragestellung liegt für mich das Schlüsselmoment: wie viele Jahre Tamoxifen reichen aus? Wie viele Jahre sind zu kurz? Könnte ich durch den Verzicht auf eine Schwangerschaft einen erneuten Ausbruch der Krankheit verhindern? Oder lediglich hinauszögern? Eine wie große Rolle spielt die Tatsache, dass mein Adolf hormonpositiv war? Welchen Einfluss hat meine Mastektomie auf mein persönliches Rezidivrisiko im Fall einer Schwangerschaft?

Nach dem Gespräch rauchen unsere Köpfe. Mein Mann und ich sprechen, grübeln, wägen ab, hinterfragen und diskutieren. Irgendwann finden wir zu unserem vorläufigen Fazit aus all dem:

wir streben an (Pläne machen wir nicht mehr!), Tamoxifen drei komplette Jahre einzunehmen. Im Anschluss werde ich pausieren und nach mindestsens dreimonatiger Ausspühlphase versuchen, erneut schwanger zu werden. Stillen werde ich aufgrund meiner Mastektomie ohnehin nicht können. Daher werde ich direkt im Anschluss an die Schwangerschaft meine Antihormontherapie über den gesamten Zeitraum von fünf Jahren zu Ende bringen. Falls meine Ärzte es zu diesem Zeitpunkt für sinnvoll erachten werden, bin ich darüber hinaus bereit, die Tamoxifen-Therapie auf insgesamt zehn Jahre zu verlängern. In diesem Szenario werde ich -im besten Fall- bei einer zweiten Schwangerschaft 37 Jahre alt sein. Die beiden Kinder hätten einen Altersunterschied um die viereinhalb Jahre.

Bis es soweit ist, gilt für uns: aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Unser zweites Kind ist endlich eine reelle Hoffnung geworden. Ich bin froh und auch stolz, dass mich diese Thematik so sehr beschäftigt hat, dass ich bereit war, mich so viele Stunden über alle Aspekte genauestens zu informieren und sie zu hinterfragen.

Um mir den Zeitraum, bis wir eine Schwangerschaft versuchen können, psychischen Halt zu verschaffen, setze ich in meinem Smartphone einen Countdown: “Drei Jahre Tamoxifen”.

Das allererste Mal -nach nunmehr zwei Jahren- schaffe ich es, meinen Frieden mit meinem Kinderwunsch zu finden. Meine Freundinnen bekommen reihenweise ihre zweiten Kinder. Ab sofort werde ich jedes Mal, wenn ich von einer Schwangerschaft erfahren werde, in meinen Handycountdown sehen. Er hat mir meine Zuversicht zurückgegeben. Der Stich, den der Anblick einer schwangeren Frau mir jedes Mal ins Herz versetzt, wird durch meinen kleinen aber wichtigen Countdown endlich etwas weniger schmerzhaft.

Im Nachhinein frage ich mich ab und an, ob wir früher hätten ein Kind bekommen sollen. Vor meiner Erkrankung. Dann hätte sein Geschwisterchen ebenfalls vor meiner Erkrankung geboren werden können und wir müssten uns all diese Fragen nicht mehr stellen.
Dennoch lautet meine Antwort auf diese völlig hypothetische Frage eindeutig: nein.

Nicht, weil es nicht eine wahnsinnige Erleichterung gewesen wäre, bereits zwei Kinder zu haben, um nicht diesen grausamen Schmerz des unerfüllten Kinderwunsches zu spüren. Sondern viel mehr, weil das Leben so nicht funktioniert! Hätten wir tatsächlich drei, fünf oder sieben Jahre früher ein Kind bekommen, dann gäbe es dieses eine phantastische Kind, das heute unser Sohn ist nicht. Das mag philosophisch klingen. Ist es wahrscheinlich sogar: Denn Junior ist nur genau deswegen dieser eine kleine Mensch, den wir heute haben, weil er exakt zu dem Zeitpunkt seiner Zeugung entstanden ist. Hätten wir zu einem anderen Zeitpunkt ein Kind bekommen, wäre dies ein anderes Kind. Das mag in der Tat abstrakt klingen, aber ich möchte diesen kleinen Jungen, den ich heute liebe nicht gegen ein anderes Kind tauschen. Deswegen komme ich trotz meinem heutigen Wissen über den Verlauf meines Lebens zu dem Schluss, dass ich nichts, aber rein gar nichts anders entscheiden würde.

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