Fertiprotect ja oder nein?!

FertiProtect

WAS GENAU IST FERTIPROTECT? 

FertiProtect ist ein Netzwerk, das es sich in Deutschland und einigen anderen Ländern zur Aufgabe gemacht hat, Fruchtbarkeit im Zuge einer bevorstehenden Behandlung (Chemotherapie, Bestrahlung) zu erhalten. 

Ziel ist es, nach beendeter Therapie weiterhin eine Familienplanung zu ermöglichen.

Dieses Vorhaben steht zunächst unabhängig von der Frage, ob eine Schwangerschaft nach der Brustkrebserkrankung ohne Bedenken ausgetragen werden sollte. 

FertiProtect möchte die Möglichkeit aufrechterhalten, ein Kind nach einer Chemotherapie oder Bestrahlung auszutragen. Denn eine Chemotherapie kann die Fruchtbarkeit einer Frau beeinflussen. Je nach Alter und körperlicher Verfassung der Patientin mehr oder weniger stark. Auch die Art der Chemotherapie spielt eine große Rolle, ob die Eierstöcke derart in Mitleidenschaft gezogen werden, dass die Frau im Anschluss nicht mehr fruchtbar ist.

 Frauen haben im Rahmen von FertiProtect die Möglichkeit vor Beginn der Chemotherapie, befruchtete oder unbefruchtete Eizellen, sowie Eierstockgewebe einfrieren lassen.

1. EINFRIEREN VON EIZELLEN

Damit Eizellen heranreifen, müssen die Eierstöcke etwa zwei Wochen durch eine Hormonbehandlung stimuliert werden. Während dieser zwei Wochen kann weder die Strahlen- noch die Chemotherapie beginnen. Ist das Krebswachstum zudem hormonabhängig, könnten die Krebszellen theoretisch durch die Hormonbehandlung wachsen. Es ist medizinisch sehr umstritten, ob eine kurze Hormontherapie die Krebserkrankung wirklich beeinflusst. Abschließend werden durch einen kurzen operativen Eingriff (meist in Narkose) zirka zehn bis 20 Eizellen entnommen und eingefroren.

2. EINFRIEREN VON EIERSTOCKGEWEBE

Falls für eine vorherige Hormonbehandlung keine Zeit bleibt, kann Eierstockgewebe, in dem sich unreife Eizellen befinden entnommen und eingefroren werden.

Hierfür ist ebenfalls eine Operation nötig.

Nach Ende der Krebstherapie, kann das eingefrorene Eierstockgewebe zurückverpflanzt werden. Durch das Einfrieren und die Transplantation geht ein Teil der Eizellen verloren.

Das Verfahren ist medizinisch noch nicht standardisiert, es entwickelt sich jedoch schnell weiter und es wurden bereits viele Kinder nach solchen Transplantation geboren. Deweiteren besteht ein geringes Risiko, dass sich in den Eierstöcken bereits Metastasen befinden. In diesem Fall würden diese Krebszellen das Einfrieren und Auftauen überleben und würden später mit dem gesunden Gewebe wieder in die Patientin übertragen. Hierüber ist jedoch noch kein Fall bekannt.

Meine persönliche Meinung zu FertiProtect

Die Möglichkeit, dass meine Eierstöcke ihre Funktion nach der Chemotherapie von alleine wieder aufnehmen, bestünde laut der Ärztin des Kinderwunschzentrums zwar, sei jedoch eher gering. 

Das Vorhaben von FertiProtect in allen Ehren. 

Ich persönlich hege dennoch zwei Vorbehalte dagegen:

Zunächst einmal: die Kosten.

Möchte eine (Brust-)krebspatientin ihre Fruchtbarkeit erhalten, werden die verschiedenen Methoden von den Krankenkassen nicht finanziert. 

Zum Vergleich: wenn ein „gesundes“ Paar auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen kann, beteiligen sich die Krankenkassen an den Kosten diverser Kinderwunschbehandlungen. 

Es gibt sogar Krankenkassen, die diese Kosten komplett übernehmen. 

Da nicht nur für mich dieses Prozedere auf absolutes Unverständnis stößt, wurde im Frühjahr 2019 ein Gesetzesentwurf verabschiedet , der festlegt, dass die Kosten in Zukunft von der Krankenkasse übernommen werden müssen.

Zum aktuellen Zeitpunkt ist dieser Beschluss jedoch noch nicht in das Gesetz aufgenommen und für alle Kosten müssen die Patientinnen weiterhin privat aufkommen. 

Und das, obwohl die Medizin ursprünglich die Möglichkeit, Eizellen für eine spätere Verwendung einzufrieren entwickelte, um eben gerade Krebspatientinnen ihre Fruchtbarkeit zu erhalten. 

In der Praxis hingegen werden diejenigen Frauen, die aufgrund anderer Ursachen natürlich unfruchtbar sind finanziell unterstützt. 

Bei Krebspatientinnen müssen einhundert Prozent der Behandlungskosten aus eigener Tasche finanziert werden. 

Die Kosten der Stimulation, der Entnahme und des Einfrierens belaufen sich je nach Einzelfall auf einen Betrag von mindestens 3.000 Euro

Mein zweiter Kritikpunkt: die zumeist sehr absolute Darstellung der Unfruchtbarkeit nach einer Krebstherapie. 

Unbestritten: es besteht durchaus das Risiko, dass eine Frau, nachdem sie eine Chemotherapie erhalten hat keine eigenen Kinder mehr bekommen kann.

Keineswegs ist es hingegen so, dass alle und zwangsläufig jede Frau nach einer Chemotherapie unfruchtbar ist. Ich kenne nicht wenige Frauen, die nach erfolgreicher Krebstherapie auf natürlichem Weg schwanger wurden.

In Anbetracht der hohen Kosten, die das Einfrieren von Eizellen erfordert, sollte meiner Meinung nach nicht vergessen werden, dass die Kinderwunschzentren -bei aller ehrbaren Intention des FertiProtect-Netzwerkes- durchaus einen rentablen Profit durch die Krebspatientinnen erwirtschaften.

Meine Geschichte mit FertiProtect beginnt direkt im Dezmerber 2016

BERATUNG IM KINDERWUNSCHZENTRUM

Einen Tag vor dem Start meiner Chemotherapie bekomme ich einen Anruf meiner Onkologin. Sie hätte in unserem Gespräch registriert, wie sehr mich das Thema „Kinderwunsch“ bewege. Am Wochenende sei sie auf einer Tagung gewesen, bei der sie mit einem Facharzt auf dem Gebiet „Fortpflanzung in Zusammenhang mit Krebs“ über meinen Fall gesprochen hätte. Es sei noch möglich meine Fruchtbarkeit zu erhalten, bevor die Chemotherapie starte. 

Falls dies für uns eine Option sei, könne sie es onkologisch durchaus vertreten, den Beginn der Chemotherapie hierfür um einen Tag zu verschieben. Wir hätten die Zeit, noch heute einen Beratungstermin im Uniklinikum wahrzunehmen, um dort unsere Optionen zu besprechen. 

Trotz des innerlichen Druckes endlich mit der Therapie beginnen zu wollen, lassen wir uns diese Chance nicht nehmen. 

So befinden sich mein Mann und ich kurze Zeit später in der Beratungssprechstunde des Kinderwunschzentrums. Nach Aussage der dortigen Ärztin würde die Qualität meiner Eizellen bereits durch die erste Chemo-Gabe so schlecht sein, dass diese für eine Schwangerschaft nicht mehr zu verwenden seien. Mir wird wieder schlagartig eines klar: Es geht wohl nicht vielen Paaren so, dass sie sich 43 Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes intensiv mit der Frage nach einem weiteren Kind auseinander setzten müssen. Wir müssen das.

Verschiedene Möglichkeiten, die Fruchtbarkeit zu erhalten

Es gäbe diverse Möglichkeiten, meine Fruchtbarkeit zu erhalten: als erstes bestünde die Möglichkeit, meine Eizellen noch vor der ersten Chemotherapie mit Hormonen zu stimulieren. Im Anschluss könne man die herangereiften Eizellen entnehmen und diese einfrieren. Nach der Chemotherapie könnten sie aufgetaut und befruchtet werden, um eine Schwangerschaft zu entwickeln. Diese Eizellenspende mit den eigenen Eizellen ist in Deutschland erlaubt. Das Einsetzen der Eizelle einer fremden Frau (Eizellenspende) in die Gebärmutter ist hingegen gesetzlich verboten.

Die Eizellen könnten „einzeln“, also unbefruchtet eingefroren werden. Es bestünde hingegen auch die Möglichkeit, die Eizellen direkt nach der Entnahme mit dem Samen des Mannes zu befruchten und anschließend einzufrieren. Nach deutschem Gesetz dürfen allerdings in diesem Fall später nur beide Partner gemeinsam diese befruchteten Zellen verwenden. Im Fall einer Trennung vom Partner dürfte kein Arzt in Deutschland der Frau diese befruchteten Zellen einpflanzen, ohne die Genehmigung des Mannes einzuholen.

Die Alternative sei eine noch experimentelle Methode: die Entnahme von Eierstockgewebe vor Beginn der Chemotherapie. Dieses würde nach Ende der Therapie -im Vorfeld einer angestrebten Schwangerschaft- wieder eingepflanzt. Das Gewebe sollte anschließend die körpereigene Eiproduktion des Eierstockes wieder ankurbeln. In Deutschland sind bereits Kinder geboren worden, die aus einem solchen Verfahren entstanden sind. Dennoch steckt diese Methode noch in den Kinderschuhen.

Nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit mit der Ärztin unsere Fragen besprechen und uns eingehend zu allen Möglichkeiten beraten lassen, stellt sich am Ende immer wieder auch die Frage der realisierbaren Umsetzung: 

Es ist vier Tage vor Heiligabend -auch wenn sowohl den Krebs diese Tatsache ziemlich wenig beeindruckt, als auch uns hierzu völlig die Stimmung fehlt. Onkologische Praxen haben sich diesbezüglich dem Krebs angepasst und sind zwischen den Feiertagen geöffnet. Kinderwunschzentren sehen das in der Regel anders und sind zwischen den Jahren geschlossen. Meine Eierstöcke müssten jedoch mit einem hormonellen Medikament über mehrere Tage stimuliert werden, bis Eizellen herangereift sind. Dies kann nur in einem Kinderwunschzentrum erfolgen. Zudem könnte die Chemotherapie erst einige Wochen später beginnen.

UNSERE MÖGLICHKEITEN ZUR EIZELLENSTIMULATION

Alles in Allem ergeben sich zum Ende des Gespräches für uns folgende Möglichkeiten: es gäbe ein Kinderwunschzentrum -200 km entfernt- das über die Feiertage geöffnet ist und die Stimulation und Entnahme der Eizellen durchführen könnte. Dazu müssten wir in den nächsten zwei Wochen circa vier- bis fünfmal dorthin fahren. Die Stimulation würde mithilfe von Östrogenen erfolgen. Mit dem kleinen aber wichtigen Detail, dass mein Adolf auf ebendiese Östrogene reagiert und sie ihn zum Wachsen animieren. Darüber hinaus würde für die Entnahme der Eizellen eine erneute Operation notwendig werden. Die Chemotherapie könnte erst in vier bis sechs Wochen starten.

Mein Mann und ich verlassen das Krankenhaus mit beinahe explodierenden Köpfen voller Gedanken. Unser Kind -unser wundervolles und gesundes Kind- wartet unterdessen (wieder einmal ohne Eltern) mit den beiden Omis bei uns zu Hause. Mein Mann und ich haben tief im Inneren beide eine Tendenz. Dennoch sind wir froh, dass wir auch die Meinung unserer beiden Mütter zu dem Thema abfragen können.

Mein Herz hängt so sehr an einem zweiten Kind.

Im Laufe der Zeit werde ich mir immer wieder sagen lassen müssen, dass ich bereits ein gesundes wundervolles Kind habe und mich darüber freuen solle. Ja, ich habe ein wundervolles Kind und ich liebe es unendlich und bin unbeschreiblich glücklich, dass es dieses Wesen gibt, das mich zur Mutter gemacht hat!
 
Dennoch! 

Und das ist der Punkt, der so unbeschreiblich unfair mitschwingt in der Aussage, ich solle mich doch bitte einfach über dieses eine Kind freuen: Darf ich mir denn nicht trotzdem von Herzen ein weiteres Wunder wünschen? Wenn ich mich aufgrund meiner Krebserkrankung damit zufrieden geben soll, dass ich bereits ein gesundes Kind habe; müsse man dann nicht allen Frauen dieser Erde, die ein zweites, drittes oder weiteres Kind bekommen vorwerfen, sie seinen undankbar? Ihnen würde dieses erste wundervolle Kind ja ebenfalls nicht „ausreichen“. So funktioniert das mit dem Kinderwunsch einfach nicht. Wieso sollte ich nur -oder gerade weil- ich in jungen Jahren an Krebs erkranken (musste), entgegen all dieser mehrfach-Mütter mit einem Kind zufrieden sein und mir kein zweites wünschen dürfen? Zugegeben, es macht auch für mich einen Unterschied, gar kein Kind zu haben oder „zumindest“ eines. Dennoch betrachte ich es nicht als fair, von mir zu verlangen, dass mir dieser Umstand zu reichen habe.

An diesem Nachmittag sprechen wir lange Zeit zu viert über „Für“ und „Wider“. Der unfassbar starke Wunsch, ein weiteres Kind zu bekommen auf der einen Seite. Dem gegenüber: die Kosten; das Risiko der erneuten Stimulation meines hormonabhängigen Tumors; eine weitere Operation; die Fahrt ins entfernte Kinderwunschzentrum (was erneut soviel wertvolle Zeit kostet); unser fortgeschrittenes Alter zum Zeitpunkt einer weiteren Schwangerschaft. Und nicht zuletzt die Frage, ob eine Schwangerschaft nach einer erfolgreichen Krebsbehandlung überhaupt vernünftig und möglich ist. Nicht zu vergessen: die Verschiebung der Chemotherapie um mehrere Wochen. Statt dem Tumor durch die Chemotherapie entgegenzuwirken und auf meine Heilung hinzuarbeiten, würde ich ihm vierzehn Tage Futter in Form von Östrogenen zuspielen.

Unter Tränen beschließen wir -beschließe vermutlich vorrangig ich- unser zweites Kind gehen zu lassen. Wir entscheiden uns in diesem Moment für mein Leben. Ich will den Kampf sofort beginnen und dem Tumor keine weitere „Wegzehrung“ verabreichen.

Für mich fühlt sich diese Entscheidung beinahe an, wie eine zweite Krebsdiagnose. Auch mein Mann tut sich nicht leicht. Vorranging weil er weiß, wie wichtig ein weiteres Kind für mich gewesen wäre. Aber allein der Wunsch kann die Risiken der notwendigen Prozedur für uns beide aktuell nicht aufwiegen.

Meine Mutter ist aufgrund unserer Entscheidung den Tränen nahe. Sie nimmt mich in den Arm und flüstert mir ins Ohr, dass sie es nicht ausgehalten hätte, hätte ich den Beginn der Chemotherapie so viele Wochen nach hinten verschoben. Auch meine Schwiegermutter begrüßt unsere Entscheidung. Wahnsinnig schwergefallen ist sie uns dennoch.

Ich versuche mich in den folgenden Tagen und Wochen mit meiner Hoffnung zu beruhigen, dass das Leben -auch im positiven Sinne- oft seine eigenen Wege geht. Wenn ein zweites Kind für uns vorgesehen wäre, könnte es immerhin auch möglich sein, dass sich meine Eierstöcke von selbst regenerieren.

Bei jungen Patientinnen kommt es durchaus häufig dazu, dass die Regelblutung nach der Chemotherapie wieder einsetzt. Unterstützend hierfür kann ich vor, beziehungsweise während der Chemotherapie ein Medikament einnehmen. Dieses „Zoladex“ versetzt die Funktion der Eierstöcke in einen Tiefschlaf, so dass diese durch die Chemotherapeutika weniger in Mitleidenschaft gezogen werden.

Eine Krebsdiagnose ist mitunter das Schlimmste, was man sich als junge Frau vorstellen kann. Ein hinzutretender sehnlicher Wunsch nach einem Kind kann diese Qual vervielfachen. Mein persönlicher Weg gegen den Krebs wird somit beinahe seit dem ersten Tag meiner Diagnose von einem Nebenkriegsschauplatz begleitet: dem Wunsch nach einem Geschwisterchen für unser Kind. Mein Mann wird während meiner Akutphase verständlicherweise nicht sehr empfänglich für diese Thematik sein. Dennoch wird er mir zuliebe meine Sorgen und Emotionen immer wieder mit mir thematisieren.

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